Reformation im Baselbiet

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Jahreslosung

Reformation im Baselbiet

von Pfr. Dr. h.c. Markus Christ, Sissach

Sissach in der Reformationszeit

Wie war das bei uns damals? Was 1517 mit dem Thesenanschlag von
Martin Luther in Wittenberg begonnen hatte, führte zwölf Jahre später
auch in der Nordwestschweiz zur Reformation.
Wir freuen uns,  in loser Folge über einige wichtige Ereignisse der Baselbieter Reformationszeit berichten zu dürfen.
Dazu haben wir Pfr. Dr. h.c. Markus Christ gewonnen, der in unserer
Kirchgemeinde zuhause ist. Markus Christ war 27 Jahre lang Pfarrer
in Oltingen-Wenslingen-Anwil und prägte später als Kirchenratspräsident
die Geschicke der evangelisch-reformierten Kirche Baselland.
Dabei hat er sich auch als Lokalhistoriker und Mitherausgeber der
Baselbieter Mundartbibel einen Namen gemacht.

12 Jahre im Überblick

Vielerorts wird im Jahr 2017 das Jubiläum «500 Jahre Reformation
» gefeiert, dies in Erinnerung an den Thesenanschlag Martin Luthers
am 31. Oktober 1517. In unsrer Region waren damals schon
Reformbemühungen in Kirche und Gesellschaft zu spüren, dies vor
allem wegen drei wichtigen Geschehnissen, die einen Aufbruch markierten:
Zum einen war es das Konzil in Basel (1431-1437, danach
Fortsetzung bis 1449 in Ferrara und Florenz), zum andern wurde im
Jahr 1460 die Universität Basel gegründet, und schliesslich war es
die Einführung des Buchdrucks. In Basel wurden bei Johannes Froben
alle bis 1520 erschienenen Schriften Martin Luthers gedruckt, 1523
erschien Luthers Neues Testament in der Basler Druckerei von Adam
Petri, dem Nachfolger Frobens.
War bei Luthers Thesen vor allem der Ablasshandel ein Thema, so
beschäftigten die Leute bei uns verschiedene kirchliche Vorschriften.
Am Palmsonntag 1522, also während der Fastenzeit, kam es zu einem
Spanferkelschmaus im Klybeckschlösschen in Basel. Den Bruch
des Fastengebots begründeten die Teilnehmer mit der evangelischen
Freiheit. Bei der Fronleichnamsprozession 1522 trug Wilhelm Reublin
nicht die Reliquien, sondern eine Bibel. Er begründete dies mit den
Worten: «Das ist das rechte Heiltun, das Andre sind Totenbeine.» Und
1523 war es Stephan Stör in Liestal, der durch die offizielle Verheiratung
gegen das Gebot des Zölibats verstiess.
Nicht nur kirchliche Erneuerung verlangten die Einwohner auf der
Landschaft, sondern auch soziale Reformen; zum einen ging es um
die Zehntabgaben, die nicht mehr für den Klerus Verwendung finden
sollten, sondern den Gemeinden und den Armen zugutekommen
sollten, und zum andern um die seelsorgerliche Betreuung.
So kam es 1525 zu einem Bauernaufstand auf der Landschaft; die
Untertanen verlangten die Predigt nach dem neuen Glauben, und
das Farnsburger Amt wollte auch die freie Pfarrwahl. Als Folge des
Bauernaufstandes erliess der Rat die sogenannten Freiheitsbriefe,
die im materiellen Bereich den Forderungen gerecht wurden. Bei den
reformatorischen Anliegen blieb allerdings alles beim Status quo.
Nach dem Bauernaufstand und trotz den Freiheitsbriefen setzte sich
die Reformation auf der Landschaft nur schleppend fort. So drohte
der Rat dem Priester von Kilchberg mit dessen Absetzung, wenn er
nicht die Messe und das Halten der Jahrzeiten – beides hatte er abgeschafft – wieder einführe.
Seit 1522 wirkte in der Stadt Basel Johannes Oekolampad, zunächst
als Korrektor in einer Druckerei, dann als Lehrer der Universität, als
Pfarrer zu St. Martin und schliesslich als Pfarrer und Antistes (Pfarrer
am Münster, Vorsitzender der Synode, Vertreter der Kirche nach aussen).
Er sandte, nachdem er für die Landschaft eine Visitation angeordnet
hatte, im Herbst 1528 einen Hirtenbrief an die reformgesinnten
Pfarrer der Landschaft.
Ebenfalls im Jahr 1528 kam es auf der Landschaft zu Bilderstürmen in
den Kirchen. Es waren im Gegensatz zu andern Orten nicht spontane
Aktionen, sondern aufgrund von Gemeindeversammlungsbeschlüssen
wurden die Bilder übertüncht oder zerstört, Heiligenstatuen entfernt
und teilweise verbrannt, die Altäre geplündert. Immer deutlicher
zeichnete sich die Wendung zur Reformation ab.
Und 1529 war es dann soweit: Am 9. Februar 1529 versammelten
sich Tausende auf dem Basler Marktplatz vor dem Rathaus und verlangten vor allem die Absetzung der altgläubigen Ratsmitglieder. Der
Rat, «übermeistert vom Volk», gab schliesslich nach. Damit war für
Stadt und Landschaft Basel die Reformation Tatsache. Und bereits
am 1. April 1529 wurde eine Reformationsordnung erlassen, die sowohl
Kirchenordnung als auch Sittenmandat war.

 

Peter Werli, Sissachs Reformationspfarrer

Von Markus B. Christ

Am 1. Mai 1529, keine drei Monate nach dem Durchbruch der Reformation in Stadt und Landschaft Basel (9. Februar 1529), übernimmt Peter Werli (man findet auch die Schreibweise Wehrli und Wehrlin) die Pfarrstelle in Sissach. Geboren und aufgewachsen ist Werli in Schaffhausen. Dort ist er am 18. Juni 1503 aktenkundig, da er sich vor dem Rat der Stadt Schaffhausen in einer Streitsache gegen eine gewisse Margaretha N. von Bischofszell rechtfertigen muss. Wieder erwähnt wird er als Kaplan zu St. Johann in Schaffhausen. Kapläne sind Hilfspriester des für eine Kirche bzw. Pfarrei zuständigen Hauptpriesters; sie werden auch Vikare genannt. Je nach Grösse der Gemeinde gibt es zahlreiche Kapläne. Peter Werli ist offen für die Reformbestrebungen, die sich vor allem mit dem Namen Sebastian Hofmeister, dem Wegbereiter der Reformation in Schaffhausen, verbinden. 1526 verheiratet er sich mit einer Frau, deren Name uns nicht bekannt ist (wie öfters in den Chroniken wird der Mann namentlich erwähnt, mit dem Zusatz «und seine Frau» oder «mit seiner Frau»). Seine letzte Zeit in Schaffhausen beschreibt Hans Wilhelm Harder in seiner Chronik der Stadt Schaffhausen (1844) wie folgt:

Der Kaplan Peter Werli wurde Freitags nach Matthäi (21. September), am 28. September 1526, vor Rath gestellt, um sich seiner freveln Rede wegen zu verantworten. Es wurde nämlich gegen ihn geklagt, dass er gesagt habe: «MH. (Miner Herren) wellint die Mess haben und es syg nüntz denn ain Abgötterey – er könne aber wohl Mess haben, dass ihm die nicht schade.» Er soll auch gesagt haben, er «halte nichts von der Mess, und hab doch Mess, des Einkommens wegen.» Darauf haben MH. Peters Antwort gehört und ihm demnach «sin Pfrund abkündet, dass er rummen sölle bis künftige Wienächt». Montags nach Jakobi (25. Juli), am 29. Juli 1527, verwies der Rat ihn und seine Frau aus der Stadt. «Sy söllen in der Stadt kainen eigenen Heerd mehr führen.»

Die Pfründe sind Stiftungen, aus deren Erträgen den Inhabern geistlicher Ämter der Lebensunterhalt bezahlt wird. Wem also die «Pfrund abkündet» wird, der bekommt keinen Lohn mehr, was einer Entlassung aus dem Amt gleichkommt. Werli verliert also seine Stelle und muss Schaffhausen verlassen. Da er Beziehungen zum Basler Reformator Johannes Oekolampad pflegt, zieht er mit seiner Familie nach Basel. Er begleitet Oekolampad auch zur Disputation nach Bern im Jahr 1528. Und es ist sehr wohl möglich, dass Oekolampad ihn den Sissachern als neuen Pfarrer empfohlen hat. Bei der ersten Synode am 11. Mai 1529 wird Peter Werli als Pfarrer von Sissach erwähnt.

Dass die «neue Lehre», verbunden mit der Abschaffung der Messe und der Heiligenverehrung, nicht auf die ungeteilte Zustimmung der Bevölkerung stösst, belegen Vorfälle im Rahmen der ersten Visitation im Jahr 1531. Oekolampad selbst nimmt diese im Auftrag des Rats der Stadt Basel vor. Neben einer Prüfung der kirchlichen Verhältnisse soll er dabei vor allem auch mit den Täufern ins Gespräch kommen.

Oekolampad steigt im Sissacher Pfarrhaus ab. Junge Burschen lassen aber ihm und dem Pfarrer gegenüber ihrem Ärger freien Lauf; sie taten ihnen «Schmach» an, wie der Visitationsbericht uns wissen lässt, indem sie nachts das Pfarrhaus besudeln. Auch ein weiteres Ereignis belegt die schwierige Stellung Werlis in Sissach: Hans Müller, ein Täufer, verdächtigt Werli, dass er seinen Sohn beim Vogt denunziert habe, weigert sich deshalb, dem Pfarrer zu mahlen und nennt ihn einen Lügner. Werli wird vom Gericht allerdings freigesprochen. Und dies obwohl einige Sissacher behaupten, Werli habe in der Predigt gesagt, die Kindertaufe sei nichts nütze, auch sei man weder Zins noch Zehnten schuldig, «doch sig es wol als gut, er neme es und ess es, als dass man es der oberkeit geben müsse!»

Im Frühjahr 1534 erkranken Werli und seine Frau ernsthaft. Jakob Schmit, der mit den Beiden das Abendmahl feiert, ohne dazu die Erlaubnis gehabt zu haben, wird von den Bannherren in Basel gerügt. «Derwyl er wider die satzungen der kilchen und der oberkeit gehandlet, die gmein Gottes geergert», solle er vor der Gemeinde in Sissach erklären, dass er Unrecht getan habe. Werlis Frau stirbt noch im Frühling an den Folgen der Krankheit, er wohl ebenfalls kurz danach. Am 15. Mai 1534 wird jedenfalls Andreas Graf, vormals Schlossprediger zu Farnsburg, als Nachfolger Werlis und damit als neuer Pfarrer von Sissach genannt.

 

 

Und das lesen Sie im nächsten Beitrag: Warum man beim Weintrinken nicht anstossen darf - die erste Kirchenordnung von 1529