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Monatspredigt März

Daniel Wüthrich, Pfr.

Predigt von 17. März, zu Mt 6,9b

„So nun sollt ihr beten:
Unser Vater im Himmel,
geheiligt werde dein Name.“


Liebe Gemeinde,

nach der Anrede „Unser Vater im Himmel“ würden wir wohl eher etwas ganz anderes erwarten als die Worte „geheiligt werde dein Name“.
Wie ist es bei uns, dann wenn wir mit eigenen Worten beten?
Nach der Anrede danken wir Gott vielleicht zuerst.
Möglicherweise erzählen wir Gott aber auch gerade von dem, was uns ganz persönlich beschäftigt und bewegt, das, was uns drängt und vielleicht auch bedrängt. Häufig äussern wir Gott dann auch unsere Bitten und legen sie ihm ans Herz.
„Geheiligt werde dein Name“, das sind Worte, die sich von uns aus beim Beten kaum aufdrängen. Die wir kaum aussprechen würden, wenn wir dem Drang unseres Herzens folgen.
Dazu kommt sicher bei vielen von uns: So viel wir diese Worte auch schon gebetet haben, so sind sie uns doch irgendwie fremd und nicht verständlich.
Es erschliesst sich uns, wenn wir diese Worte sagen, auf jeden Fall nicht sofort, was damit gemeint ist.
Und gerade darum ist es um so wichtiger, dass wir über diese erste Bitte des Unser Vaters ernsthaft nachdenken.

Ja, ihr habt richtig gehört. Wir starten im Unser Vater-Gebet nach der Anrede tatsächlich mit einer Bitte: „Geheiligt werde dein Name.“ Diese Worte sind nicht etwa nur ein (frommer) Wunsch. Sie sind auch kein Lobpreis, keine Ehrung, die wir Gott damit zu Beginn des Gebets erweisen wollen. Und sie sind auch keine moralische Aufforderung, etwa dafür, uns an das dritte Gebot zu erinnern, wo es heisst: „Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen.“
Nein - diese Worte sind eine Bitte. Um das zu verdeutlichen ist in der Guten Nachricht Bibel zum Beispiel folgende Übersetzung gewählt worden:
„Mach deinen Namen gross in der Welt.“ Wir bitten mit diesen Worten also darum, dass Gott etwas tun möge. Etwas, was wir nicht vermögen. Was für uns - und die ganze Welt - aber wichtig ist: Die Heiligung seines Namens. Sie ist - zuallererst - die Sache Gottes und nicht unsere.

Was soll Gott denn tun, das für uns so wichtig ist? Was geschieht denn dadurch, dass sein Name geheiligt wird?
Um dem näher zu kommen, möchte ich zuerst dem Wort „heilig“ ein wenig nachspüren.
„Heilig“ ist ein Wort, dass ich kaum je einmal in den Mund nehme.
Ich nehme an, dass ist bei euch ähnlich oder gleich.
Sicher, hier in der Kirche brauchen wir den Begriff immer wieder. Wir sprechen wir von der Heiligen Schrift, vom Heiligen Geist, auch vom Heiligen Land.
Aber einmal abgesehen davon, nehme ich an, dass für niemanden von uns das Wort „heilig“ zur täglichen Umgangssprache gehört.
Ich habe mir überlegt, ob es geläufige Redensarten gibt, wo der Begriff vorkommt. Erst nach langem Überlegen – und mit ein wenig Hilfe durch das Internet – bin ich auf folgende gestossen:
- „Etwas hoch und heilig versprechen.“ Mit diesen Worten verstärkt man die Ernsthaftigkeit eines Versprechens. Das „hoch“ deutet dabei die weltliche und das „heilig“ die göttliche Macht an, die man dabei als Zeugen anruft.
- „Bei allem, was mir heilig ist.“ Auch mit diesen Worten versucht man zu beteuern, wie ernst es einem mit einer Sache ist.
- „Heilige Bimbam.“ Das Bimbam in diesem Ausdruck macht lautmalerisch ein Glockengeläute nach. Früher haben die Glocken auch die Gebetszeiten angezeigt und die Leute zum Beten aufgerufen. Beten gehört zu einem heiligen Leben.
- „Der Sankt-Nimmerleinstag.“ In diesem Ausdruck kommt das Wort „heilig“ in lateinischer Sprache vor. Wer bis zum Sankt-Nimmerleinstag, also dem Heilige-Nimmerleinstag, warten muss, der wartet ewig, also vergebens. Denn Ewigkeit ist eine Grösse, die nicht zu uns Menschen gehört. Sie gehört aber zu Gott.
- in Verbindung mit dem lateinischen „Sankt“ kommt das Wort „heilig“ in vielen Orts- und Städtenamen vor, wie etwa St. Gallen, St. Moritz, St. Petersburg.

Gebräuchlicher ist das Wort heilig in unserer Umgangssprache fast eher in der Verbindung mit dem Gegenteil.
- In den Medien lesen und hören wir immer wieder von „unheiligen Allianzen“. In letzter Zeit ist dieser Begriff öfters bei Abstimmungen gebraucht worden, wenn Parteien, die in ihrer Meinung in der Regel weit auseinander liegen – also z.B. die SVP und die SP - aus ganz unterschiedlichen Gründen etwa eine Vorlage abgelehnt haben und sie so gemeinsam zu Fall gebracht haben.
- Oder es wird zu jemandem gesagt: „Mach nicht so scheinheilig.“
Am Mittwochabend bin ich in Basel Schnitzelbänke hören gegangen. Ein Bank nennt sich „Dr Schyynhailig“. Er ist als Pfarrer verkleidet. Den Pfarrpersonen wird mit dem Ausspruch „sie predigen Wasser und trinken Wein“ ja auch etwa unterstellt, dass sie scheinheilig tun.
- Eher jüngere Leute kennen den Begriff „unheilig“ auch als Namen einer deutschen Musikgruppe.

Trotz diesen Redensarten und vereinzeltem Vorkommen des Wortes „heilig“, ist es doch so, dass es kaum zu unserer Umgangssprache gehört.
Ganz anders ist es dagegen in der Bibel. Da wird das Wort „heilig“ oft verwendet. In der Lutherbibel (Ausgabe 2017) kommt es zum Beispiel über 1000 Mal vor.
Die erste Stelle, wo das Wort „heilig“ gebraucht wird, findet sich zu Beginn der Bibel im Schöpfungsbericht. Dort lesen wir – 1. Mose 2,3:
„Und Gott segnete den siebten Tag und heiligte ihn, denn an ihm ruhte Gott von all seinem Werk, das er durch sein Tun geschaffen hatte.“
Ein Tag wird als erstes geheiligt. Eine Zeit wird heilig genannt. Nicht die Zeit des Arbeitens, sondern die Zeit der Ruhe. Die Zeit, in der wir Musse haben, in der wir aufatmen und neue Kräfte tanken können. Diese Zeit hat eine ganz besondere Nähe und Verbindung zu Gott. Gerade diese Nähe zu Gott macht diese Zeit heilig. Macht aus, warum der siebte Tag geheiligt ist.
Es muss uns nicht erstaunen, wenn die Kirchen immer wieder so fest für den Sonntag kämpfen und sich gegen alle Absichten zur Wehr setzen, welche den Sonntag zu einem ganz normalen (Arbeits-)Tag machen wollen.
Es geht eben gerade darum, dass diese besondere Nähe zu Gott in einer geheiligten, einer herausgehobenen Zeit erhalten bleibt und möglich ist.
Gott selber schafft uns diese Möglichkeit.
Im Tempel in Jerusalem, den Jesus selber noch gekannt hat, gab es einen innersten Bereich, das Allerheiligste. Das Allerheiligste war durch einen Vorhang geschützt und abgetrennt. Nur zu ganz seltenen Zeiten durfte alleine der Oberste Priester diesen Raum betreten. In den Evangelien lesen wir, wie der Vorhang vor dem Allerheiligsten beim Tod von Jesus von oben bis unten zerriss. In diesem Bild vom zerrissenen Vorhang wird beschrieben, wie Gott die Ferne durchbricht und eine neue Nähe möglich macht.
Um diese Nähe zu Gott geht es in der „geheiligten“ Zeit.

Diese Nähe geschieht auch durch den Namen Gottes.
Carina hat uns aus dem 2. Mose gelesen, wo berichtet wird, wie Mose den Auftrag von Gott bekommt, nach Ägypten zum Pharao zu gehen und die Israeliten aus dem Land zu führen. Dieser Auftrag ist Mose unheimlich. Wie soll er zum Pharao gehen können? Wie sollen die Israeliten auf ihn hören? Darum fragt er Gott nach seinem Namen, damit er sagen kann, in wessen Namen er zu ihnen spricht.
Der Name macht aus etwas Unbestimmtem ein Bestimmtes. Er gibt ihm Gestalt und holt es damit in unsere Nähe.
Im Schöpfungsbericht benennt Gott seine Schöpfungswerke. Er nennt das Licht Tag, die Dunkelheit Nacht. Er benennt den Himmel und die Erde. Und weist allem damit gleichzeitig ihren Ort und ihre Aufgabe zu. In vielen Erzählungen in der Bibel wird einem Kind in einem ganz bewussten Akt sein Name gegeben. Im 1. Buch Samuel zum Beispiel wird erzählt, wie Hanna lange kinderlos ist. Sie bittet Gott inständig darum, ihr einen Sohn zu schenken. Gott erhört ihre Bitte. Sie wird schwanger und bringt einen Sohn zur Welt. Hanna sagt: „Ich habe ihn von Gott erbeten.“ (1. Sam 1,20) Und sie nennt ihn darum Samuel, was so viel bedeutet wie, Gott hat mich erhört.
Der Name hat in den biblischen Schriften oft ein besonderes Gewicht. Oft steckt in ihm eine Anlehnung an ein Geschehen oder auch an eine Aufgabe, welche der Träger oder die Trägerin bekommt.

So ist es auch bei Jesus. Der Engel, welcher Maria die Schwangerschaft ankündigt, sagt ihr, dass sie ihrem Kind den Namen Jesus geben soll. Der Name bedeutet, „Gott rettet“. Später hat dieser Jesus zu seinen Jüngern und Jüngerinnen gesagt: „Wo zwei oder drei in meinem Namen zusammen sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ (Mt 18,20)
Der Name schafft Nähe. Noch mehr sogar: Er schafft Präsenz.
Durch den Namen bekommt jemand Gestalt. Durch den Namen wird etwas Unbekanntes überhaupt erst zu jemand. Zu jemand, der präsent ist und gesehen wird.
Das sagen uns auch die verheissungsvollen Worte, welche wir im Buch des Propheten Jesaja lesen können:
„Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du gehörst zu mir.“ (Jes 43,1)
Wenn Gott sagt, er kennt unseren Namen, dann sind wir bei ihm bekannt. Wir werden – trotz der unendlichen Weiten des Weltalls, in denen wir herumschwirren – von ihm gesehen und beachtet.
Und genau darum geht es in der Bitte „geheiligt werde dein Name“.
Es geht darum, dass Gott sich bei uns und in unserer Welt bekannt macht. Dass Gott sich wahrnehmbar macht und wahrgenommen wird. Dass Gott seine Präsenz in der Welt zeigt. Dass er deutlich macht, dass er da ist. Dass er der Gott ist, mit dem Namen er sich Mose offenbart hat: „Ich bin der Ich-bin-da“.
Wir bitten Gott in übertragenen Worten also am Anfang des Unser-Vaters:
Unser Vater im Himmel,
sei da. Sei nicht fern - in irgend einem Himmel, zu dem wir keine Verbindung und Beziehung haben können.
Sei da. Sei präsent für uns. Zeig dich in dieser unserer Welt, so dass wir dich wahrnehmen können. Dir nahe kommen und nahe sein können.
Sei da. Hab etwas mit uns und unserer Welt zu tun.

Im Verlauf meines Nachdenkens über diese – zuerst fremden – Worte „geheiligt werde dein Name“ habe ich gemerkt, wie essentiell sie sind, wie grundlegend, wie bedeutsam. Und darum gehören sie an den Anfang.
Im Grunde genommen gehört diese Bitte an den Anfang von jedem Gebet. Denn ohne dass Gott da ist, uns zuhört, uns sieht, macht doch kein Beten einen Sinn.
Dass Gott da ist, dass muss Gott tun. Das können wir nicht tun. Das ist eine Gnade. Eine Gnade, die wir für unser Leben nötig haben. Die alles Leben nötig hat.
Wie Gott das genau macht, dass er da ist, dass er präsent ist, das müssen wir Gott überlassen. Es ist gut möglich, dass Gott dafür auch uns gebrauchen will und kann.

„So nun sollt ihr beten:
Unser Vater im Himmel, geheiligt werde dein Name.“

AMEN.


Predigt vom 24. Februar 2019 in Sissach

„So nun sollt ihr beten:
Unser Vater im Himmel.“

(Matthäusevangelium Kapitel 6 Vers 9)

Liebe Gemeinde,

„du sollst dir kein Bild von Gott machen!“
So ist es uns doch in den zehn Geboten weiter gegeben worden.
Und nun weist uns Jesus Christus selber an, so zu beten:
„Unser Vater im Himmel“.
Wer von uns kann so beten, ohne dass uns beim Wort Vater nicht unweigerlich Bilder aufkommen. Bilder von unserem eigenen Vater.
Mit dem Wort Vater, da verbinden wir alle doch ganz vieles.
Und vor allem auch sehr Unterschiedliches.
Je nachdem wieviel wir von unserem eigenen Vater hatten – und haben.
Ob er da war – und ist. Ob er überhaupt vorhanden/anwesend war, für uns spürbar – und ist – und wir auf ihn zählen konnten – oder können.
Je nachdem, wie er mit uns war – und ist.
Sanft oder streng - vielleicht sogar mit Schlägen?
Hat er Gefühle gezeigt und zugelassen, uns in den Arm genommen, uns Geschichten erzählt, ein Ohr für uns gehabt?
Oder war er unnahbar, hat immer vieles von uns verlangt, hatten wir mehr als Respekt vor ihm, fürchteten wir ihn sogar?
All das – und noch vieles mehr – beeinflusst uns doch, wenn wir „Unser Vater“ beten und beten sollen.
Vater ist ein Wort, das niemanden von uns kalt lässt.
Ein Wort, das – zumindest auf biologischer Ebene – von engster Beziehung und Verbindung redet.
Und das will Jesus wohl so. Das ist von ihm beabsichtigt.
Diese enge Beziehung, die er selber zu Gott, seinem Vater, wie er ihn nennt, hat, die soll auch seinen Jüngern und Jüngerinnen möglich sein. Und den Menschen überhaupt. Auch uns.

Im Gleichnis vom Vater mit den zwei Söhnen zeichnet Jesus für uns das Bild des Vaters, das wir vor uns haben sollen, wenn wir beten „Unser Vater“.
Es ist ein Vater, der uns unsere eigenen Wege gehen lässt, auch wenn es ihm weh tut. Der nicht knausrig ist mit uns, sondern uns reichlich gibt.
Es ist ein Vater, der für uns hofft und sich nach uns sehnt und uns doch nicht zwingt. Der nicht schadenfroh ist, wenn uns etwas misslingt – oder besserwisserisch. Der die Arme für uns auftut, ohne dass wir eine Vorleistung erbringen müssten. Einfach aus lauter Liebe zu uns und aus lauter Freude an uns.
Mir kommt das Lied „Zeugnistag“ von Reinhard Mey in den Sinn.
Es ist für mich wie eine modernere Umschreibung dieses Gleichnisses von Jesus. Und die ist so gut, das muss ich euch jetzt einfach vorlesen – auch wenn es einen Moment dauert.

REINHARD MEY: ZEUGNISTAG
Ich denke, ich muss so zwölf Jahre alt gewesen sein
Und wieder einmal war es Zeugnistag
Nur diesmal, dacht' ich, bricht das Schulhaus samt Dachgestühl ein
Als meines weiß und hässlich vor mir lag
Dabei war'n meine Hoffnungen keineswegs hoch geschraubt
Ich war ein fauler Hund und obendrein
Höchst eigenwillig, doch trotzdem hätte ich nie geglaubt
So ein totaler Versager zu sein

So, jetzt ist es passiert, dacht' ich mir, jetzt ist alles aus
Nicht einmal eine 4 in Religion
Oh Mann, mit diesem Zeugnis kommst du besser nicht nach Haus
Sondern allenfalls zur Fremdenlegion
Ich zeigt' es meinen Eltern nicht und unterschrieb für sie
Schön bunt, sah nicht schlecht aus, ohne zu prahl'n!
Ich war vielleicht 'ne Niete in Deutsch und Biologie
Dafür konnt' ich schon immer ganz gut mal'n!

Der Zauber kam natürlich schon am nächsten Morgen raus
Die Fälschung war wohl doch nicht so geschickt
Der Rektor kam, holte mich schnaubend aus der Klasse raus
So stand ich da, allein, stumm und geknickt
Dann ließ er meine Eltern kommen, lehnte sich zurück
Voll Selbstgerechtigkeit genoss er schon
Die Maulschellen für den Betrüger, das missrat'ne Stück
Diesen Urkundenfälscher, ihren Sohn
Mein Vater nahm das Zeugnis in die Hand und sah mich an
Und sagte ruhig: „Was mich anbetrifft
So gibt es nicht die kleinste Spur eines Zweifels daran
Das ist tatsächlich meine Unterschrift“
Auch meine Mutter sagte, ja, das sei ihr Namenszug
Gekritzelt zwar, doch müsse man versteh'n
Dass sie vorher zwei große, schwere Einkaufstaschen trug
Dann sagte sie: „Komm, Junge, lass uns geh'n“

Ich hab' noch manches langes Jahr auf Schulbänken verlor'n
Und lernte widerspruchslos vor mich hin
Namen, Tabellen, Theorien von hinten und von vorn
Dass ich dabei nicht ganz verblödet bin!
Nur eine Lektion hat sich in den Jahr'n herausgesiebt
Die eine nur aus dem Haufen Ballast:
Wie gut es tut, zu wissen, dass dir jemand Zuflucht gibt
Ganz gleich, was du auch ausgefressen hast!

Ich weiß nicht, ob es Rechtens war, dass meine Eltern mich
Da rausholten, und wo bleibt die Moral?
Die Schlauen diskutier'n, die Besserwisser streiten sich
Ich weiß es nicht, es ist mir auch egal
Ich weiß nur eins, ich wünsche allen Kindern auf der Welt
Und nicht zuletzt natürlich dir, mein Kind
Wenn's brenzlig wird, wenn's schiefgeht, wenn die Welt zusammenfällt
Eltern, die aus diesem Holze sind.


Wie im Gleichnis von Jesus, so erfährt auch in Reinhard Meys Lied ein Sohn bedingungslose Unterstützung. Reinhard Mey redet aber nicht nur vom Vater, sondern von beiden Eltern. Von Vater und Mutter, welche diese Unterstützung bieten. Wenn wir uns das Gleichnis von Jesus vor Augen halten, dann würde es doch überhaupt nicht stören, wenn neben dem Vater auch noch die Mutter stehen würde, die den aus der Fremde zurückkehrenden Sohn ebenso sieht, ihm – wie der Vater - entgegenläuft und ihn überschwänglich in die Arme nimmt.
Kann Gott, den Jesus im Gleichnis mit einem Vater vergleicht, nicht auch mit einer Mutter verglichen werden?
An einer Stelle im Prophetenbuch Jesaja (Jes 66,13) wird dies tatsächlich getan. Gott selber spricht dort zu:
„Wie eine Mutter tröstet, so will ich euch trösten.“
Ja, wenn Gott sich selber mit einer Mutter vergleicht, so könnten wir doch den Beginn des Unser Vater-Gebets ein wenig gendergerechter formulieren. So, wie es zum Beispiel die Bibelübersetzung in gerechter Sprache versucht. Sie macht das folgendermassen:
„So also betet.
Du, Gott, bist uns Vater und Mutter im Himmel.“
Ich habe da keine theologischen Bedenken, das wir das nicht tun dürften. Es ist für mich sogar angebracht, dass wir von Gott nicht ständig im männlichen Geschlecht reden.
Gott hat ja doch kein Geschlecht. Das ist unser menschliches Gerede. Unsere Sprache setzt uns da Grenzen.
Gott ist weder Mann noch Frau.
Wenn wir mit Gott reden, wenn wir Gott im Gebet als Gegenüber ansprechen, dann ist Gott weder ein „Er“ noch eine „Sie“ noch ein „Es“. Dann ist Gott ein „Du“. Und genau das ist dann wichtig. Dass wir mit Gott ganz persönlich und direkt, wie mit einem Du in Kontakt treten und reden können.

Dieses Du ist das, was in der Anrede steckt, die Jesus uns an Herz legt.
Dan Holder, Pfarrkollege in Riehen, sagt in einem Gebet dazu:
„Vater im Himmel. Jesus sagte uns, wenn wir beten,
könnten wir dich so anreden.
Ich weiss, dass du grösser bist als die Worte Vater oder Mutter umfassen,
aber ich bin glücklich, dich so anzureden.“
Ich möchte noch einmal bei dieser Anrede verweilen, um zu spüren, welche Kraft – und auch welche Sprengkraft – darin steckt.
Jesus hat für unser deutsches Wort „Vater“ das aramäische Wort „abba“ gebraucht. In diesem Wort liegt ein inniger, familiärer Klang drin. Ein wenig ähnlich ist für uns wohl das Wort „Papa“. Das redet je auch nicht neutral vom Vater, der irgend ein Vater sein kann, sondern vom eigenen Vater, zu dem wir - in aller Regel - eine ganz besondere Beziehung haben.
„Abba“ – es mag sein, dass diese Anrede Gottes durch Jesus einzigartig ist, also vor Jesus so noch nicht verwendet worden war. Gewisse Gelehrte behaupten das. (s. Artikel im Theologischen Begriffslexikon zum NT, Artikel zu Vater ab S. 1721). Doch wenn es auch nicht so war, so drückt sie trotzdem eine besondere, persönliche und direkte Nähe zu Gott aus.
So von Gott zu sprechen, das fanden gewisse Menschen, die etwas zu sagen hatten, unverschämt. So unverschämt, dass sie Jesus sogar ans Leben wollten.
Im Johannesevangelium können wir davon lesen (Joh 5,16):
„Deshalb versuchte die jüdische Obrigkeit ... ihn (Jesus) zu töten, weil er nicht nur den Sabbat aufgehoben hatte, sondern auch Gott seinen eigenen Vater genannt hatte, womit er sich Gott gleich machte.“
Die Nähe zu Gott, welche die Anrede „Abba“ – auch zu übersetzen mit „lieber Vater“ – schafft, hat durchaus Sprengkraft in sich. Wenn wir „Unser Vater“ sagen, dann sind wir ganz direkt mit Gott im Gespräch. Da braucht es keine Instanz mehr zwischen mir und Gott, die vermittelt. Keine Priester, keine Pfaffen, keine Opfer, keine irgend etwas. Da kann uns niemand mehr etwas andrehen, dass nötig wäre, damit wir uns an Gott wenden können.
Bei denen, die mit Religion Macht ausüben und Geld verdienen wollen, kommt das nicht gut an. Das hat Jesus zu spüren bekommen.

„So nun sollt ihr beten:
Unser Vater im Himmel.“

So wie Jesus Gott seinen Vater genannt hat, so dürfen auch wir Gott als Vater – oder/und als Mutter – anreden. Jesus vermittelt uns dadurch eine ganz besondere Nähe zu Gott.
Diese Nähe kann nun nicht jeder und jede für sich ganz alleine haben.
Wir beten ja nicht „mein Vater im Himmel“, sondern „unser Vater im Himmel“. Wann immer ich diese Worte also spreche, dann beziehe ich immer andere mit ein, die auch so beten. Den Vater im Himmel, den kann ich – mal platt gesagt - nicht alleine für mich haben. Und den Glauben auch nicht. Glauben ist immer eine Beziehung. Eine Beziehung zu Gott. Und, weil Gott so viel an uns Menschen liegt, auch eine Beziehung zu andern Menschen. Ohne das „Wir“ funktioniert der Glaube nicht. Auf jeden Fall der Glaube nicht, der Jesus so sehr am Herzen lag. Und den er in uns anlegen und erblühen lassen wollte. Das hat er unter anderem damit getan, dass er uns die Möglichkeit gab, so zu beten:
„Unser Vater im Himmel.“

AMEN.