Monatspredigt

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Monatspredigt September

Pfr. Gerd Sundermann, Thürnen

 Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

Joh 8,2-11
Jesus und die Ehebrecherin
Frühmorgens aber kam Jesus wieder in den Tempel, und alles Volk kam zu ihm, und er setzte sich und lehrte sie. Da brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau, beim Ehebruch ergriffen, und stellten sie in die Mitte und sprachen zu ihm: Meister, diese Frau ist auf frischer Tat beim Ehebruch ergriffen worden.
Mose hat uns im Gesetz geboten, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du?
Das sagten sie aber, um ihn zu versuchen, auf dass sie etwas hätten, ihn zu verklagen. Aber Jesus bückte sich nieder und schrieb mit dem Finger auf die Erde.
Als sie ihn nun beharrlich so fragten, richtete er sich auf und sprach zu ihnen: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.
Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde.
Als sie das hörten, gingen sie hinaus, einer nach dem andern, die Ältesten zuerst; und Jesus blieb allein mit der Frau, die in der Mitte stand.
Da richtete Jesus sich auf und sprach zu ihr: Wo sind sie, Frau? Hat dich niemand verdammt? Sie aber sprach: Niemand, Herr. Jesus aber sprach: So verdamme ich dich auch nicht; geh hin und sündige hinfort nicht mehr.

Liebe Gemeinde,
hier in dieser Geschichte von der Ehebrecherin haben wir es mit Jesus zu tun wie er leibt und lebt, mit dem unverstellten, echten Jesus, mit einer ganz alten Überlieferung. Die Evangelisten Markus, Matthäus und Lukas müssen sie gekannt haben – und haben sie in ihr Evangelium nicht aufgenommen. Die Geschichte war ihnen zu anstössig, unzumutbar, dass Jesus hier für eine Frau Partei ergreift, die so offensichtlich etwas Schlimmes und Unmögliches gemacht hat. Aus ihrer Sicht ganz ungeeignet zum Weitererzählen. Erst hier im Johannesevangelium, dem jüngsten Evangelium, hat die Geschichte ihren Ort gefunden, und auch hier erst nachträglich. Ein glücklicher Zufall also hat uns diese Geschichte erhalten, sonst wäre sie auf ewig verloren gewesen. Sie zeigt uns den unverstellten, echten Jesus.
Im Museum für Alte Kunst in Brüssel findet sich ein grosses und grossartiges Bild von Peter Paul Rubens: die Szene von der Ehebrecherin. Eine Frau von kräftiger Statur steht da in der Mitte des Gemäldes. Den Kopf hat sie mit einem schwarzen Schleier umhüllt. Ihr Kleid ist verrutscht, die Schulter, die Brust ist den Blicken der Männer noch freigegeben. Sie selbst wagt niemanden anzuschauen. Ihr Gesicht ist gerötet wie von Scham. Ihr schwarzes Kleid gleicht einem Totengewand. Ganz rechts aussen steht der Schriftgelehrte, mit stechenden Augen, vorgebeugt, die Hände ausgestreckt wie zum Zugreifen. Er steht da wie eine gespannte Feder, bereit zum Ansprung und zur Anklage. Auf seiner Stirn ist die Inschrift des sechsten Gebotes in hebräischen Lettern geschrieben: lo tinaph – Du hast die Ehe nicht zu brechen. Das Gebot scheint ihm wie ein Brett vor den Kopf genagelt. Das ist sein einziger Gedanke. Und er wird bestätigt durch die zehn Gebote. Er duldet keinen Widerspruch. Für ihn ist der Sachverhalt klar. Und das Urteil steht fest. Ihm zur Seite präsentiert sich der Pharisäer: fleischige, mopsartige Wangen, ein rotes Käppi auf dem Kopf, die wurstigen Hände ineinander gelegt. Die Gestalt gewordene Selbstsicherheit haben wir da vor uns. Auch für diesen Mann ist der Fall ohne weitere Erörterung klar. Die Frau gehört getötet. Vom männlichen Teil des Ehebruchs hört man nichts. Das Gesetz des Mose ist ein Gesetz von Männern für Männer, und ausser der Ehebrecherin als einziger Frau sind auch nur Männer auf dem Bild.
Neben der Frau auf der anderen Seite steht ein Mann, der die Frau leicht berührt. Und man weiss nicht: will er sie in die Fänge des Gesetzes zurück schieben oder will er sie schützen und zurückhalten? Sein Blick ist fragend, zaudernd, er schaut Jesus an. Dahinter drängen sich noch eine Reihe unwichtiger Personen, die nichts weiter sind als die Statisten für diese Kulisse. Links im Bild, dem Schriftgelehrten und dem Pharisäer gegenüber steht Jesus, in sich ruhend, er schaut niemanden an. Alles, was er zu sagen hat, verkörpert sich in seinen zwei Armen und Händen. Der linke Arm ist ausgestreckt zur Frau hin, der rechte richtet sich zu seinen Gegnern. Dieser Arm ist überlang. Er ist gemalt als wollte er eine Brücke bauen über den bestehenden Gegensatz hinweg. Oder als wollte er etwas darlegen, für das es im Grunde keine Worte gibt, das aber die Frau vor dem Verderben retten könnte. So hat sich Rubens die Szene vorgestellt.
Nun hören wir in der Geschichte allerdings, dass die Frau wegen des Ehebruchs gesteinigt werden sollte. Auf Ehebruch stand aber die Strafe der Erdrosselung. Ausnahme ist im Gesetz des Mose (5. Mose 23, 22f): Ist das Mädchen verlobt und bricht das Eheversprechen, dann soll sie gesteinigt werden. Wir haben uns hier also unter der Ehebrecherin keine gestandene Frau, sondern eher ein etwa 12jähriges junges Mädchen vorzustellen. In diesem Alter heiratete man damals. Oder besser: man wurde verheiratet. Die jungen Mädchen und Frauen wuchsen also nicht hinein in die Jahre der Blüte und der Reife, sondern sie wurden sehr unsanft aus den Mädchenjahren in das Erwachsenendasein geworfen. Die Kindheit endete so abrupt, und es gab wenig Möglichkeiten, in dieser Lebensphase vieles auszuprobieren, auch in der Liebe, und dem Drang nach Leben Lauf zu lassen so wie es den Jungen ja eigen ist. Wie tragisch solche Familienkonstellationen für junge Mädchen sein können, sehen und erleben wir ja auch heute noch im arabisch-muslimischen Kulturkreis.
Wie dem auch sei, wir haben hier eine Frau, ein Mädchen fast noch, vor uns, das gewiss nicht weiss, wie ihm geschieht. Ihr Leben scheint verwirkt, noch ehe es überhaupt richtig begonnen hat. Das Gesetz aber erlaubt keinen Spielraum. Es ist eindeutig. Und es ist streng, denn nach herkömmlicher Meinung ist es die Familie, wo die Religion und der Glaube tradiert wurden. Hier in der Familie darf nichts aufgeweicht werden. Hier in der Familie muss gnadenlos durchgegriffen werden. Anders Jesus hier. Was aber, wenn man es zuliesse, dass die Gefühle stärker sind als Gesetze. Dass eine private Sehnsucht eine Ausnahme bilden könnte vom allgemein Gültigen, ohne dass augenblicklich eine Strafe eintritt für den, der davon abweicht. In diese Richtung denkt und wirkt Jesus. Bei ihm stehen die Menschen und ihr Leben im Mittelpunkt, und Gesetze müssen ihnen, den Menschen dienen. Das ist sein Massstab. Und der gilt gleichermassen für uns heute, für unser Leben und unseren Umgang miteinander.
Was ist also zu tun gegen eine solche Gesellschaft, gegen diesen tödlichen Glauben, gegen diese ganze Rechtsprechung? Vor dieser Frage stand Jesus an diesem Morgen auf dem Tempelplatz. Und das, was er tut, ist ungeheuerlich, so ungeheuerlich, dass die Kirche, die frühe Gemeinde sich lange gesträubt hat, diesen Skandal überhaupt in das Neue Testament aufzunehmen. Doch zeigt uns die Geschichte Wesentliches an der Person Jesu. Sie ist ein wichtiges Echo auf die Botschaft Jesu, das uns hilft, das Anliegen Jesu nicht aus den Augen zu verlieren, denn sie zeigt uns, dass der Mann aus Nazaret erfüllt war von einer unglaublichen Menschlichkeit. Die Besserwisser und Selbstgefälligen sehen nur den Fall, und der ist klar: „Im Gesetz hat Mose uns vorgeschrieben, solche Frauen zu steinigen“. Jesus aber sieht in der Gestalt dieser zwölfjährigen Ehebrecherin vor allem einen hilflosen Menschen vor sich. Was nun? Gibt Jesus dem Gesetz recht, so ist die Frau so gut wie tot und all das wertlos, was Jesus bis dahin an Liebe und Menschenfreundlichkeit Gottes verkündet und gelebt hat.. Verteidigt er sie, ist er der Gesetzesbrecher und damit der Bestrafung schuldig. Sie stellen ihn auf die Probe. „Jesus aber bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde“, heisst es. Er sagt nichts. Was mag er geschrieben haben? Wir wissen es nicht. Im Laufe der Geschichte ist da viel spekuliert worden. Für den Fortgang der Handlung scheint es aber auch keine Bedeutung zu haben. Vielmehr sollte man meinen, dass das Schreiben selber für ihn einen Moment der inneren Sammlung bildet – in dieser extremen Situation der Entscheidung. Jesus weiss, kein Mensch kann in einer Welt leben, die nur von Gesetzen geregelt wird. Er kam, um einen anderen Gott zu predigen damals wie heute: einen Gott, der nicht richtet, sondern der rettet, der nicht recht haben, sondern den Menschen frei sprechen will, einen Gott, der nicht straft, sondern der versteht. Dann richtet er sich wieder auf - äusserlich und innerlich - und es folgt das Entscheidende. „Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe als erster einen Stein auf sie.“ Er bestreitet die Schuld der Frau nicht. Er verteidigt die Frau auch nicht, wie es heutzutage ein guter Rechtsanwalt tun würde mit psychologischen Argumenten: wie ist sie gross geworden? In welchem sozialen Milieu ist sie aufgewachsen? Und wie jung sie doch noch ist! Und welch ein Strafmass für sie ist überhaupt angemessen?
Was Jesus mit seiner Erwiderung erreicht, ist ein Ende des Spuks einer abstrakten, unpersönlichen Strafgerechtigkeit. Er ruft diejenigen, die sich nur auf das Gesetz berufen, einzeln in die Verantwortung. Er spricht sie selber an. Die eben noch mit den Steinen in der Hand um die Frau herum stehen und plärren, die das Ganze betrachten, als hätte es mit ihnen persönlich nichts zu tun, die sind auf einmal als Person und Mensch mit in das Geschehen hinein genommen. Sie können nicht mehr mit dem Finger auf andere zeigen. Sie selber sind angesprochen und betroffen. Jeder einzelne von ihnen, und mit ihnen jeder einzelne auch von uns – angesprochen und betroffen. Wie steht es mit euch? Wer von euch nie etwas falsch macht, wer perfekt ist unter euch und wer so makellos lebt – also los, nur zu, der werfe als erster den Stein auf sie! Die Worte Jesu verfehlen ihre Wirkung nicht. Die Meute wird betroffen und nachdenklich, die Scham steigt in ihnen hoch. „Sie aber hörten es und entfernten sich, einer nach dem anderen, die Ältesten voran“, also die vermutlich lautesten Krakeler zuerst. Das Vergehen der Frau bleibt, aber Jesus ordnet es ein in einen Zusammenhang des Menschseins und der Menschlichkeit. Das Gesetz bleibt und gilt, aber es darf Menschen nicht zerstören. Es ist ohne Zweifel eines der grössten Wunder, das Jesus je im Neuen Testament gewirkt hat, dass er an diesem Morgen einer blinden Masse an Vertretern des jüdischen Gesetzes Augen schenkte für ihr eigenes Herz und sie, einer nach dem anderen, in wirkliche Menschen verwandelte. Dieses Wunder stellt auch uns in Frage. Wie oft erheben wir den Finger oder haben gar schon die Steine der Verurteilungen und Vorverurteilungen in der Hand? Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe als erster einen Stein. Auch uns will er stets aufs neue verwandeln zu Menschsein und zur Menschlichkeit und Augen schenken für unser eigenes Herz. Er will uns verwandeln vom Verurteilen zum Verstehen.
„Geh und sündige von jetzt an nicht mehr“, mit diesen Worten entlässt Jesus die Frau. Das ist ein Imperativ auf Dauer, nicht für den Moment, sondern für immer. „Sündige von jetzt an nicht mehr“. Aber würde Jesus damit letztlich nicht das gleiche verlangen wie die Schriftgelehrten und die Pharisäer. Steht er am Schluss genauso da mit erhobenem Zeigefinger? Erwartet auch er doch wieder Perfektion im Glauben und Handeln? Soll die Frau in eine Ehe oder Beziehung zurückkehren, die ihr ganz zuwider ist? Meint Jesus das wirklich? Wir müssen diese Worte zunächst aus dem Griechischen ins Hebräische zurück übersetzen. Dann bedeuten sie: „Du wirst nicht mehr tun, was du tatest.“ Es ist offen, was damit gemeint ist: Nicht mehr die Ehe brechen? Nicht mehr zu tun, was ihr ganzes bisheriges Leben bestimmte? Nicht mehr eine unglückliche Beziehung weiter aufrecht erhalten? Jesus gibt ihr damit eine Freiheit mit auf den Weg. Er will sagen: Gott ist zukünftig der einzige, der beurteilen darf, was du bist und wer du bist. Gib dich mit ganzem Vertrauen in seine Hände. Hab keine Angst mehr. Geh in dein Leben, wie Gott es dir geschenkt hat. Mach etwas daraus zur Ehre Gottes. Lerne glücklich zu sein mit allen Kräften deiner Seele, deines Herzens, deines Geistes. Sei der Mensch, der du immer sein wolltest. Wie wäre das, liebe Gemeinde, wenn auch wir uns genau das sagen liessen und wie wäre das, wenn wir uns mit diesen Worten Jesu auf unseren Weg machten gegen Mutlosigkeit, Verzweiflung und Enge hinein in ein Leben, in dem Menschen einander nicht verurteilen, sondern sich verstehen wollen mit Gottes Hilfe? So schwer ist das gar nicht – und wir hätten auf der Stelle eine Welt, für die Jesus gekämpft hat.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, wird eure Herzen und Gedanken bewahren in Christus Jesus. Amen.