
Über spätgotische, geschnitzte Flachdecken im deutschsprachigen Raum
Reiche Verbreitung um 1500 – und nur wenige integral erhaltene Objekte
Von 1470 bis zur Reformationszeit 1524 wurden im deutschsprachigen Raum zahlreiche kunstvoll geschnitzte und bemalte Flachdecken gefertigt, begünstigt durch eine rege Bautätigkeit mit Um- und Neubauten im profanen wie sakralen Bereich: repräsentative Säle mit geschmückten Decken (so etwa der Aarauer Rathaussaal von 1519/20) – und ebensolche in neu erbauten bzw. spätgotisch umgebauten Kirchen. In der Schweiz finden sie sich vorwiegend in den Gebieten von Bern, Graubünden und Zürich.
Zu den Sakralbauten: Initiiert wurden diese Decken nicht mehr durch geistliche Auftraggeber, sondern durch Gemeindemitglieder, ausgeführt durch «Tischmacher» (Kunstschreiner), die ihre Werke oft signierten, so etwa Meister Ulrich Schmid 1521 in der Kirche Dürnten ZH.
Formal bestehen die geschmückten und verzierten Decken im Kirchenschiff aus einem Rahmenwerk mit zwei Längsbändern und zwei oder drei Querbändern, die das Deckenfeld in Rechtecke aufteilen, im Zentrum häufig ein zusätzliches Bildfeld. Die kunsthandwerkliche Gestaltung ist raffiniert, so etwa durch subtile Farbgestaltung der Flachschnitzerei und unterschiedliche Schnitztechniken auf zwei Ebenen, die Licht- und Schatteneffekte ermöglichen. Das bildnerische Gesamtprogramm zeigt zu überreichen floralen Mustern zumeist weltliche Motive wie Wappen, Kriegs- und Jagdszenen, reale und mythologische Tiere. Was im Kunstführer der reformierten Kirche Sissach zur dortigen Flachdecke beschrieben wird, selbst wenn diese nicht vollständig erhalten ist, gilt im Wesentlichen für alle Bildprogramme der geschnitzten und bemalten spätgotischen Flachdecken: «Die in Flachschnitzerei ausgeführte Motivwelt vermittelt die Schönheit der göttlichen Natur und Lebensfreude.»
Nur wenig des ursprünglich umfangreichen Flachdeckenbestandes blieb in situ als Ganzes erhalten, so etwa in den Kirchen Bergün GR, Würzbrunnen BE, und Dürnten, Maur, Mettmenstetten, Mönchaltorf und Weisslingen ZH. Sissach und Tenniken BL.
Gefährdet waren die Decken fast seit der Entstehungszeit: Viele fielen den Säuberungen der Reformation zum Opfer, später Bautätigkeiten im 17. und 18. Jahrhundert, dann Bränden, Verkäufen integral oder in Teilen, und unsachgemässen Restaurierungen. Umso kostbarer sind die erhaltenen, sorgfältig restaurierten Flachdecken in Kirchen, selbst in fragmenthaftem Zustand, oder als spätgotische Schätze aus Holz im Schweizerischen Nationalmuseum in Zürich.
Barbara Tobler, Kunsthistorikerin lic.phil.hist.
Details der Sissacher Holzdecke
(Videoclip 12MB, 1:35sec)
Video © Michael Plattner
c/o gsk.ch
Fachliteratur (Auswahl)
Peter Jezler, Der spätgotische Kirchenbau in der Zürcher Landschaft: Die Geschichte eines ‹Baubooms› am Ende des Mittelalters: Festschrift zum Jubiläum «500 Jahre Kirche Pfäffikon», Wetzikon 1988.
Albert Knoepfli, Kunstgeschichte des Bodenseeraumes Bd. 2: Vom späten 14. bis zum frühen 17. Jahrhundert, Sigmaringen/Stuttgart/München 1969.
Rahel Strebel, Flachschnitzerei im Kanton Zürich: Ausdruck einer Gesellschaft im Wandel, Kleine Schriften zur Zürcher Denkmalpflege, Hefte 9-10, Zürich und Egg 2009.
Peter Niederhäuser/Daniel Rüegg, «Eine Kirchendecke erzählt Geschichten: 500 Jahre Kirchendecke Weisslingen», «Heimatspiegel» 9/September 2009.
«Das Abenteuer einer Kirchenrestaurierung: Bedeutende Entdeckungen im Kircheninnern der Kirche Dürnten»: Festschrift, Ergänzter Separatdruck aus dem «Heimatspiegel» des «Zürcher Oberländers», o.J. [1981].
Schweizerische Kunstführer
zu Bauten mit bedeutenden Holzdecken:
Profanbauten: Stein am Rhein, Das Rathaus in Schaffhausen
Sakralbauten: Die Stadtkirche Büren an der Aare, Die Kirche Würzbrunnen, Maur ZH.
