Teuflische Predigten 2018

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onLine-Jugendgottesdienste
Pfr. Daniel Wüthrich
T 061 971 12 72

Pfr. Gerd Sundermann
T 061 971 28 08

Sonntagsschule
Pfr. Gerd Sundermann
T 061 971 28 08

Fiire mit de Chliine
Pfrn. Denise Perret 
T 061 973 98 97

Teuflische Predigten oder: Über das Böse in der Welt


Und wenn die Welt voll Teufel wär und wollt uns gar verschlingen,             so fürchten wir uns nicht so sehr, es soll uns doch gelingen              (Luther, Ein feste Burg ist unser Gott).
Die Bitte im Unser Vater ‚Und führe uns nicht in Versuchung‘ wird ge
genwärtig im Blick auf das Gottesbild kritisch beurteilt, neu und anders formuliert oder auch kräftig verteidigt. Ausgehend davon wollen
wir in einer Reihe von Predigten mit der Gemeinde über das Böse, das
zumeist als ‚Teufel‘ personifiziert wird, in dieser Welt nachdenken. Es
wird dabei jeweils die Predigt des Kollegen/der Kollegin zum Thema
vom  Vorsonntag  aufgenommen,  der  Leitgedanke  weiter  entwickelt,    
ergänzt, kritisch hinterfragt oder ihm deutlich widersprochen. So hört
die Gemeinde verschiedene Auslegungen und Gedanken der Pfarrer/
Pfarrerinnen zu diesem Thema. Die Gottesdienste sind so aufgebaut,
dass sie auch einzeln besucht werden können:
03. Juni um 10 Uhr im Mehrzweckraum Itingen mit Gerd Sundermann
10. Juni um 10 Uhr in der Kirche Sissach mit Matthias Plattner
17. Juni um 10 Uhr in der Kirche Sissach mit Christian Hofer
24. Juni um 10 Uhr in der Kirche Wintersingen mit Sonja Wieland
01. Juli um 10 Uhr in der Kirche Sissach mit Daniel Wüthrich

Teuflische Predigten I

Gerd Sundermann am So, 3. Juni 2018

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

Predigttext: Matthäus 5, 38-48
Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Übel, sondern wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dann halte die andere auch hin. Und wenn jemand gegen dich klagen und dir deinen Rock nehmen will, dem lass auch den Mantel. Und wenn dich jemand nötigt, eine Meile mitzugehen, so geh mit ihm zwei. Gib dem, der dich bittet, und wende dich nicht ab von dem, der etwas von dir borgen will.
Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Denn wenn ihr liebt, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Tun nicht dasselbe auch die Zöllner? Und wenn ihr nur zu euren Brüdern freundlich seid, was tut ihr Besonderes? Tun nicht dasselbe auch die Heiden? Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.

Liebe Gemeinde!
Mit dem was Jesus hier sagt, stellt er mit Absicht alles in Frage, was wir im Umgang miteinander gewohnt sind und auch für unser Recht halten. Da gilt es bekanntlich und weitgehend unwidersprochen als Recht und Pflicht aller Staaten, ihre Bürger davor zu schützen, dass ein anderer Staat sie angreift, zerstört, „auf die Backe schlägt“ wie es hier heisst. Und noch mehr gilt es, die Bürger davor zu bewahren, womöglich auch noch die andere Backe hinzuhalten. Also genau das Gegenteil von dem, was Jesus hier sagt. Unsere gesamte Sicherheitspolitik der vergangenen Jahrzehnte beruht doch darauf, den ersten Schlag eines Gegners zu verhindern oder sogar den eigenen Erstschlag möglich zu machen, zumindest aber zu einem angemessenen Vergeltungsschlag bereit zu sein. Gewalt gegen Gewalt – und es schaukelt sich immer höher. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Und es gilt ja auch als ungeschriebener Beweis von Männlichkeit, sich zu wehren und zu verteidigen. Jahrmillionen der Entwicklung im Tierreich haben diese Sicht der Männlichkeit begründet und offenbar auch im Menschen grundgelegt. Von daher könnte man die Anweisungen Jesu geradezu als Anweisungen für lebensuntüchtige Schwächlinge verstehen, wenn er erwartet, die andere Backe hinzuhalten, wenn uns einer auf die rechte schlägt, oder unsere Feinde zu lieben. Leider gibt es bis heute nirgendwo auf dieser Welt einen Glauben oder eine Kraft, die diese Sicht und diesen Kreislauf der Gewalt im grossen und im kleinen im Sinne Jesu durchbrechen könnte.
Er aber, Jesus, hat allerdings eine andere Sicht der Dinge vertreten. Er setzt gegen die Gewalt nicht mehr die Gegengewalt, sondern die Gewaltlosigkeit, ja sogar die Wehrlosigkeit. Er will die Versöhnung, er will, dass Menschen sich vertragen, will Schluss machen mit dem brutalen Schema von Gewalt und Gegengewalt. Es kommt ihm vielmehr darauf an, den ewigen Kreislauf von Angst, Hass, Zerstörung, Schmerz und Rache zu verlassen und nicht mehr Böses mit Bösem zu beantworten. Es kommt ihm darauf an, dass wir eine innere Freiheit gewinnen und uns die Handlungsweise des anderen einfach nicht mehr aufs Auge drücken lassen.
Jesus stellt den Menschen etwas ganz Ungewöhnliches vor, das oberflächlich betrachtet eine Schwachheit scheint, in Wirklichkeit aber eine neue STÄRKE ist, eine Stärke, die frei ist von Angst, eine Stärke der Angstfreiheit. Das erste von allem wäre dann, dass wir die Angst vor anderen aufgeben, die uns veranlasst, Dinge zu tun, die wir eigentlich gar nicht tun wollen. Angst lähmt, Angst macht aggressiv und blindwütig. Aber wie, liebe Gemeinde, wenn wir vor dem anderen gar keine Angst haben müssen? Es wäre als nächstes wichtig, dass wir lernen, das schafsähnliche Nicken und das blinde Gehorchen dranzugeben für alles, was uns Regierende oder Vorgesetzte als rechtens verkaufen wollen, und dass wir endlich glauben, dass unser Kopf mit seinen 13 Milliarden Hirnzellen recht hat, wenn er Mord, Zerstörung, Rohheit und Gewalt in jeder Form schlicht und einfach Wahnsinn nennt und sich dagegen wehrt. Der Mut zur Verweigerung der befohlenen Gewalt ist der erste und wichtigste Schritt, um unser Zusammenleben gewaltfrei zu halten.
Wie löst man nun mit diesem Rüstzeug konkret Konflikte? Die Meinung und die Anleitung der Bergpredigt dazu sind eindeutig: Wenn jemand gegen dich klagen und dir deinen Rock nehmen will, dem lass auch den Mantel. Und wenn dich jemand nötigt, eine Meile mitzugehen, so geh mit ihm zwei. Die „normale“ Reaktion wäre doch, sich zu wehren gegen den Anspruch des anderen, zurück zu klagen, den Rock unter allen Umständen zu behalten. Aber wir müssen also unsere Reaktionsweise grundlegend verändern, wenn Menschen uns zwingen, nötigen oder verklagen. Das Böse durch das Gute überwinden, Abbau von Spannungen, indem man sich entgegen kommt. Eingehen auf den anderen, nicht losgehen gegen den anderen. Es gab vor vielen Jahren in der Fernsehshow „Wetten dass“ einmal eine Saalwette, dass es dem Moderator und dem Team der Sendung nicht gelingen würde, in der Stadt, aus der die Show damals gesendet wurde, zehn zerstrittene Nachbarn auf die Bühne zu bringen, die sich vor laufender Kamera die Hand reichen. Wissen Sie, wie viele nachher auf der Bühne standen? Tatsächlich niemand. Entweder es gab in dieser Grossstadt keine zerstrittenen Nachbarn, oder es ist wirklich für uns so unendlich schwierig, aus dem Rad der Eskalation auszusteigen und auf den anderen zuzugehen.
Wir müssen sehen, was letztlich hinter der Gewalt steht, nämlich nichts als hilflose Not. Es gibt aus dem ständigen Kampf aller gegen alle wirklich keinen anderen Ausweg, als der Fassade von Zwang und Gewalt hinter die Karten zu schauen. Wenn jemand dich verklagt oder nötigt, so scheint Jesus sagen zu wollen, so höre nicht auf die Sprache des Verklagens und der Nötigung, sondern achte vor allem auf die Not des anderen, die dahinter steckt. Wenn er dich schlagen will, dann frage dich, warum er das tun will. Wenn er dich nötigt, eine Strecke mit ihm zu gehen, dann denke daran, dass sein Weg vielleicht noch viel weiter und steiniger ist, als er dir sagt. Wenn er dich bekämpft, weil er etwas haben will, das du hast, dann frage dich doch, warum er es denn so dringend für sich benötigt. Alle Gewalt ist nichts als hilflose Not. Und was Jesus vorschwebt, ist nicht ein Nachgeben aus Schwäche, Resignation oder Feigheit, sondern ein Nachgeben aus Überzeugung und innerer Stärke und Freiheit. Im Sinne Jesu soll Schluss damit sein, Menschlichkeit und Güte für Schwäche zu halten. Er möchte, dass aus uns eine Energie und in uns eine Kraft entsteht, die das Prinzip von Auge um Auge, Zahn um Zahn ein für allemal so blödsinnig und lächerlich erscheinen lässt, wie es ist. Wie wäre es, liebe Gemeinde, wenn wir im Sinne Jesu ganz einfach unsere Blickrichtung ändern würden? Wir würden dann nicht mehr fragen: was will der andere von mir und wie kann ich mich davor schützen und dagegen wehren. Sondern wir würden fragen: warum will der andere dies und das von mir, und wie kann ich ihm helfen, dass er bekommt, was er benötigt. Er will meinen Rock? Ja vermutlich ist ihm kalt und er friert. Vermutlich ist er sehr einsam, und er hat nie gelernt, um etwas zu bitten. Vielleicht verklagt er mich überhaupt nur, weil er es noch nie erlebt hat, dass man ihm etwas freiwillig gibt als Geschenk. Er kann nicht glauben, dass man ihm freiwillig helfen würde. Er will uns zu der Hilfe, die er braucht, zwingen, weil er von vornherein denkt, dass eine andere Sprache als Drohung, Klage und Gewalt nichts ausrichten wird. Wir werden solange mit der Sprache der Gewalt konfrontiert werden, wie man uns gar nicht zutraut, wir könnten etwas freiwillig tun. Der Zwang aber ist eine Decke, die immer zu kurz ist, um einen Menschen zu wärmen. Damit es der andere symbolisch wirklich warm hat, braucht er vermutlich nicht nur einen Rock, sondern auch einen Mantel. Gib ihm den von dir aus, ungebeten, schlägt Jesus vor. Aber dann friere ich doch selbst, wird man ihm wohl entgegnen. Nein, gerade nicht, das ist die ganze Zuversicht Jesu. Der Mantel, den du dem anderen schenkst, wird euch gemeinsam wärmen, denn was du von dir aus dem anderen gibst, ist wie ein Zelt, das sich über euch ausspannt, und in dem ihr beide Platz habt. Wer gibt, der verliert nicht – immer wieder hat Jesus diese Erfahrung vorgelebt. Wer gibt, der verwandelt die Welt, und er selber lebt leichter darin. Es besteht keine Gefahr, dass man friert, wenn man den anderen wärmt. Denn die Liebe ist wie ein Stück der Sonne. Wo sie scheint, macht sie alle warm ohne Grenzen und Unterschied.  Alles ist Gnade, alles ist Geschenk, liebe Gemeinde, und in Wahrheit gibt es nicht Arme und Reiche, Besitzlose und Besitzende. In den Augen Gottes gibt es  nur Bedürftige und Angewiesene. Und es gilt einzig und allein, dass wir zusammen in die Liebe Gottes eintauchen, aus der wir alle leben.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, wird eure Herzen und Gedanken bewahren in Christus Jesus. Amen.

 

Teuflische Predigten II

von Pfr. Matthias Plattner, 10. Juni 2018

Lukas 6,6ff  
Die Heilung eines behinderten Mannes am Sabbat
6 Es geschah an einem Sabbat, dass er, Jesus, in die Synagoge ging und lehrte. Und dort war einer, dessen rechte Hand lahm war.
7 Die Schriftgelehrten und Pharisäer aber beobachteten ihn genau,
ob er am Sabbat heilen würde, damit sie einen Grund fänden, ihn anzuklagen.
8 Er kannte ihre Gedanken, sagte aber zu dem Mann mit der lahmen Hand: Steh auf und stell dich in die Mitte! Und der stand auf und stellte sich hin.
9 Jesus aber sagte zu ihnen:
Ich frage euch, ist es erlaubt, am Sabbat Gutes zu tun oder Böses zu tun,
Leben zu retten oder zu vernichten?
10 Und er schaute alle an, einen nach dem andern, und sagte zu ihm:
Streck deine Hand aus!
Und der tat es, und seine Hand wurde wiederhergestellt.
11 Sie aber beredeten in sinnloser Wut miteinander, was sie Jesus antun könnten.

Liebe Gemeinde
Unsere Hände gehören zu den allerwichtigsten Körperteilen,
sie befähigen uns, zu leben, zu überleben, zu arbeiten, zärtlich zu sein.
Menschen sind und bleiben HandwerkerInnen,
auch wenn sie den ganzen Tag bloss am Tablet oder Computer arbeiten.
Wenn Sie an die kleinen Hände unseres Taufkindes Valeria denken –
was diese Hände einmal alles lernen, können müssen und können dürfen?!
Viele von uns mussten schon mal eine Zeitlang einen Arm, eine Hand ruhen lassen, nach einem Knochenbruch, einer Operation –
und wissen, wie beschwerlich das Leben plötzlich wird und ist.
Von einem Einarmigen handelt die Geschichte –
Nicht von einem Banditen,
sondern von einem armen Teufel im alten Israel.

Jesus trifft mit seinen Jüngerinnen und Jüngern vor oder im Gotteshaus
auf diesen behinderten Menschen.
Er demonstriert seine Macht und Vollmacht vor den Gelehrten und
heilt mit einem einzigen Wort dessen gelähmte Hand.
Eine Demonstration, ein Kraftakt des Heilands für alle!
Ich will heute den Gedanken des Sabbats für einmal beiseite lassen.
Klar, am Sabbat war damals im religiös überregulierten Israel solches verboten:
Jedes Tun widersprach dem radikal ausgelegten Ruhegebot Gottes –
Gutes Tun wie auch Böses Tun!

Für einmal will ich mich auf den letzten Satz beschränken:
Sie aber beredeten in sinnloser Wut miteinander,
was sie Jesus antun könnten.

Die Evangelien stellen uns die Gelehrten und Pharisäer als die jeweils Bösen dar.
Als Feinde Gottes, weil sie die göttlichen Gebote
entweder zu larsch-weltlich oder zu streng fundamentalistisch auslegen.
Als Feinde Jesu möchten sie ihm immer neu das Handwerk legen,
ihn in Fesseln legen -
Und ihn zum Schweigen bringen.
Zuletzt wird es ihnen gelingen,
wir alle kennen die Passionsgeschichte.

Im Text der vorletzten Zürcher Bibelübersetzung
ist von der sinnlosen Wut dieser Männer die Rede.
Übrigens der einzige Ort in der Bibel,
wo nach meiner Recherche
der Begriff Sinnlosigkeit auftaucht –
das war kein Ausdruck aus jener Zeit.

Liebe Gemeinde
Machen wir zunächst einen Exkurs
zur Predigt des letzten Sonntags:
Mein Kollege und Arbeitspartner Gerd Sundermann
hat da
in einer ersten teuflischen Predigt über das Böse nachgedacht,
und über einen Text der Bergpredigt Jesu gesprochen –
über Gott, der die Sonne über Gute und Böse aufgehen lässt.
Über das radikale Gebot Jesu,
das nicht bloss Nächsten-, sondern sogar Feindesliebe verlangt:
Dass mann einem fiesen Schläger auch die zweite Backe hinhalten soll,
wenn der zuschlägt.
Dass mann einem elenden Räuber doppelt herausgeben soll, wenn er etwas Bestimmtes verlangt.
Die bösen Menschen liebhaben und durch Gutes entwaffnen und überwinden.
Angstfreiheit und Gottvertrauen menschlicher Bosheit entgegensetzen.
Eingehen auf den Bösartigen und Gewalttätigen – statt auf ihn loszugehen.
Sie, viele von uns kennen diese berühmten Passagen aus der Rede Jesu.

Die Bergpredigt ist eine brillante Rede – und gilt seit jeher als Sprengstoff  –
eine Ethik aus dem Himmel, vom Himmel her gedacht ....
nur - was sollen wir damit bloss auf Erden,
im real existierenden Leben und Zusammenleben?!
Sie ist sperrig und rüttelt radikal auf,
obwohl gut lesbar.
Und sie ist voller Haken für die Auslegung.

An einem solchen ist – mit Verlaub –
auch Kollege Sundermann hängengeblieben,
wenn er versucht,
das Böse schlank zu erklären.
Es ist bestimmt richtig,
böses Tun gewisser Leute zu hinterfragen -
nach deren Motiven und Hintergründen.
Aber zu behaupten,
Gewalttäter seinen letztlich bloss
arme Teufel, armi Sieche....
das geht doch zu weit.
Gewalt sei letztlich nichts als verfehlter Ausdruck hilfloser Not.
Die mitleidvolle Psychologisierung der Täterschaft und derer Motive
ist mitleidlose Verhöhnung derer Opfer!
Man denke bloss an aktuelle Diskussionen um die Schweizer Justiz
und deren Rechtsprechung (Raser-Urteile oder solche von Sexualtätern!)


Die Gelehrten und Pharisäer aber beredeten in sinnloser Wut miteinander,
was sie Jesus antun könnten.

Blitzgescheite und mega fromme Männer tauschen böse Worte aus.
Man staune – es sind nicht die einfachen Taglöhner und Arbeitslosen,
denen wir das eher zutrauen würden,
sondern die Vornehmen und Wichtigtuer des Landes, dieser Welt!
Die sogenannt Mehrbesseren.
Ein Wort ergibt das andere.
Man schaukelt die Emotionen gegenseitig hoch.
“Do chönnt jo jede cho!”
Verabredung zum Mord, so heisst es klipp und klar andernorts in den Evangelien.

Liebe Gemeinde
Zuerst gilt es, diese Böse zu erkennen und zu entlarven.
Es kommt meist verborgen, verhüllt, maskiert wie ein Dieb in der Nacht.
Das wirklich grosse Böse ist ein Meister der Verkleidung und Täuschung.
Es versteckt sich heutzutage diskret wie raffiniert
z.B. in ausgeklügelten Deals zwischen Staatsmännern und Wirtschaftsführern,
bei denen einfach die Natur und/oder das Volk unter die Räder kommt,
wie aktuell in Syrien.
Eben auch wieder:
Es sind die Vornehmen und Wichtigtuer dieser Welt, nicht die Büezer!

Wie aber ist das Böse in Gottes gute Welt und Schöpfung hereingeraten?
Am Ende des Schöpfungsberichts kann man lesen,
dass alles, was Gott schuf, sehr gut gewesen sei.
„Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.“ (1.Mose 1,31)
Wenn dem aber so war
wenn Gott in seiner Güte und Weisheit alles Leben gut geordnet hatte –
woher kommt das Böse?
Die Bibel versucht eine Antwort mit der Erzählung vom Sündenfall.
Sie verweist uns auf Adam und Eva,
die im Garten Eden von der verbotenen Frucht aßen.
Vom Apfel und der Schlange im Baum, die des Teufels war.
Woher aber kommt der Teufel?
Wenn doch alles Geschaffene gut war.
Ein gefallener Engel aus unmittelbarer Nähe Gottes, sagt man uns.
Nur:
Wie es möglich war, dass sich ein Engel gegen Gott wendet –
das lässt die Bibel offen.
Und so weiter.
Keine befriedigenden Antworten.
Argumentationsnotstand in der Heiligen Schrift.
Clevere Konfirmanden oder Gymnasiastinnen
haben mich schon aufs Glatteis geführt.

Das nervt - mich, uns alle,
die wir doch bloss das Böse verstehen und einordnen wollen können.
Besonders unbefriedigend aber ist es für uns Theologen.
Denn wenn das Böse in der gottgeschaffenen Welt unerklärlich bleibt,
dann sieht das aus wie ein „Konstruktionsfehler“ des göttlichen Architekten -
und dieser gerät in ein schiefes Licht.
Kein Zufall, versuchen sich seit Jahrtausenden
Philosophen, TheologInnen, Anthropologen,
PsychologInnen und Naturwissenschafter,
Gläubige wie Atheistinnen
mit vielen Theorien über den Grund, Sinn und Ursprung des Bösen.
Ein Wetteifern der Argumentationen.
Zum Beispiel diese – mit Begründungsversuch aus dem Dualismus:
„Wir können das Gute nur erkennen,
weil es dessen Gegenteil, das Böse gibt!“
sagen sie.
Erkennen wir nicht alles erst aus seinem Gegensatz?
Die Wärme liebt nur, wer die Kälte erfahren hat,
wie der Bettler bei St. Martin.
Den Wert des Lichtes erkennt nur, wer schon mal im Finstern gesessen hat,
wie der biblische Jona im Bauch des Fisches.
Das Große ist nicht groß, wenn es nichts Kleines daneben gibt –
Man denke an den Turmbau zu Babel.
Das Schöne wäre nichts, wenn es nichts Hässliches gäbe.
Alles lebt vom Kontrast!
Und deshalb kann Gott auf das Böse nicht verzichten.
Er braucht es als die dunkle Folie,
von der sich das Gute strahlend abheben kann.
Ohne Schuld gibt’s keine Erlösung,
ohne Not keine Rettung,
ohne Angst kein Trost.
Und so weiter.

Viele gut gemeinte, aber nicht überzeugende und zielführende Versuche,
dem Bösen in der Welt einen Sinn abzugewinnen.
Besonders tragisch: Das Böse kommt so zu unverdienten Ehren.
Das Böse, dieses Böse ist nicht mehr radikal böse, sondern nur relativ böse.
Es wird erklärt.
Und zugleich verharmlost.
Wir beginnen für das Böse Verständnis aufzubringen,
wir beginnen am Bösen gar etwas Gutes zu finden –
und täuschen uns damit.
Denn in Wahrheit besteht die Natur des Bösen eben darin,
für nichts gut zu sein.
Es hat keine Daseinsberechtigung.
Das Böse ist der totale ultimative Nichtsnutz!
Es hat keine Daseinsberechtigung.
Und am wenigsten eine, die sich aus Gottes Plänen ergäbe.
Nein: Das Böse ist zutiefst sinnlos.
Die sinnlose Wut jener Männer endet in einem sinnlosen Tod Jesu am Kreuz.


Die einzig korrekte Haltung
dem Bösen gegenüber ist Verständnislosigkeit.
Es ist und bleibt sinnlos - sinnwidrig.
Egal, ob wir uns als Gläubige oder Atheisten verstehen,
dieser oder jener Tradition und Weltanschauung anhängen,
Das Böse lässt sich meines Wissens
letztlich nicht erklären und begreiflich machen!
Man kann darüber bloss den Kopf schütteln.

Ich lasse mich liebend gerne eines Besseren belehren,
vielleicht von einem der KollegInnen,
die sich nach mir an einer teuflischen Predigt versuchen.

Das Böse in der Welt,
von dem man liest oder im Fernsehen sieht,
kann man ausblenden und verdrängen;
das Böse, welches einem selbst widerfährt
kann man höchstens aushalten – auszuhalten versuchen.
Und:
Man kann sich dagegen engagieren,
persönlich durch Zivilcourage, oder politisch mit dem Stimm- und Wahlzettel.
Dagegen ankämpfen!
Was Jesus in der Bergpredigt vorschlägt,
ist eine mögliche und möglicherweise zielführende Reaktion.
modern gesprochen:
Eine paradoxe Intervention dem Bösen gegenüber.
Dies unerwartete Tun mag es entlarven und
seinen Aggressionstrieb hemmen,
wie man es mindestens aus der Tierwelt kennt.
Eine wertvolle Option:
Da will ich dem Kollegen Sundermann gern zustimmen.

Das Wichtigste jedoch:
Wir müssen es nicht verstehen und verstehen wollen.
Es reicht, wenn wir das Böse verabscheuen,
wo immer wir ihm begegnen...
im einzelnen Mitmenschen,
oder verhüllt in struktureller Gewalt
oder
vor allem in uns selber –
und unserem ganz persönlichen Denken, Fühlen und Tun.
Amen.

Teuflische Predigten III

von Christian Hofer, Vikar, 17. Juni 2018

Lk 3,21-22 & 4,1-4
Es geschah aber, als das ganze Volk sich taufen liess und auch Jesus getauft wurde und betete, dass der Himmel sich auftat und der heilige Geist in Gestalt einer Taube auf ihn herabschwebte und eine Stimme aus dem Himmel kam: 3,22 Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen. ...
Jesus kehrte nun, erfüllt von heiligem Geist, vom Jordan zurück und wurde vom Geist in der Wüste umhergeführt, 4,2 wo er vierzig Tage lang vom Teufel versucht wurde. Und er ass nichts in jenen Tagen, und als sie vorüber waren, hungerte ihn. 4,3 Der Teufel aber sagte zu ihm: Wenn du Gottes Sohn bist, dann sag diesem Stein, er solle zu Brot werden. 4,4 Und Jesus entgegnete ihm: Es steht geschrieben: Nicht vom Brot allein lebt der Mensch.

(Zürcher Bibel 2007)


Im Gegensatz zu Julias Taufe, einer heute in unserer Kirche üblichen Kindertaufe also, geschah dies bei Jesus erst im Erwachsenenalter. Zusammen mit vielen anderen Menschen liess er sich damals im Jordan taufen. „Eine Taufe der Umkehr zur Vergebung der Sünden“ (Lk 3,3) verkündigte Johannes der Täufer und stellte damit einhergehend radikale Ansprüche an einen besseren Lebenswandel der Menschen. Sich taufen zu lassen, war also ein nicht zu unterschätzender Glaubensakt, der ernsthafte Konsequenzen nach sich zog für das eigene Leben.
Zu diesem Schritt entschied sich auch der etwa dreissigjährige Jesus. Was ihn dazu bewegte und wie sein Lebenswandel in den Jahren davor ausgesehen hatte, wissen wir nicht. Denn abgesehen von der Weihnachtsgeschichte und dem Bericht über den zwölfjährigen Jesus im Tempel wissen wir sehr wenig über dessen junge Jahre. Was wir allerdings wissen, ist, dass danach Jesu öffentliches Wirken begann. Dafür und für seine revolutionären Gedanken ist er weitum bekannt geworden, was ihn – wie wir alle wissen – schlussendlich Kopf und Kragen kostete.
Doch wie begann das alles? Schauen wir nochmals genauer hin, auf den soeben gehörten Predigttext.
Jesus wurde getauft. Und als er betete, tat sich der Himmel auf, der Heilige Geist kam auf ihn herab und eine Stimme aus dem Himmel liess verlauten: „Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.“ Diesen Zuspruch, ein Gotteskind zu sein, haben wir heute in der Taufe an Julia gerichtet und haben uns daran erinnert, dass dieser für uns alle gilt. Diesen Zuspruch aber direkt von einer Stimme aus dem Himmel zu erhalten, begleitet vom Heiligen Geist, das muss Jesus ganz schön eingefahren sein! „Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.“
Jesus, ganz erfüllt vom Heiligen Geist und dieser himmlischen Botschaft, kehrte vom Jordan zurück. Was muss wohl in diesem jungen Mann vorgegangen sein damals? Ich bin Gottes geliebtes Kind, Gott hat Freude und Gefallen an mir! Wie klang diese Zusage wohl nach in Jesus? Wir wissen es nicht – aber ich vermute, dass sie nicht nur Freude und Zuversicht weckte, sondern auch tiefe Verunsicherung hervorrief. Jesus musste sich selbst und seine Beziehung zu Gott nun auch neu kennenlernen – da ist man verletzlich und gleicht einer jungen, zarten Pflanze.
Es ist kaum ein Zufall, dass unmittelbar an der Stelle, an welcher die Erzählung nach Jesu Taufe weitergeht, der Teufel in der Wüste auf den Plan tritt und mit seiner Versuchung den Finger genau auf diesen wunden und empfindlichen Punkt legt.
Welcher Geist Jesus in die Wüste geführt hat und wie dieser es dort vierzig Tage lang ohne Essen aushielt wissen wir wiederum nicht. Was wir aber wissen, ist, dass Jesus danach – wenig erstaunlich – einen Mordshunger hatte. Der Oberbösewicht Teufel macht seinem Namen hier alle Ehre, wenn er also gleich in zwei Wunden herumstochert: „Wenn du Gottes Sohn bist, dann sag diesem Stein, er solle zu Brot werden.“ Der Versucher scheint ganz genau zu wissen, wie verletzlich Jesus in beiden Hinsichten ist.
Liebe Gemeinde!
Auf die Nähe dieser beiden Bibelstellen, getrennt nur durch den dazwischen geschobenen Stammbaum Jesu, und ihren möglichen Zusammenhang hat mich die amerikanische Pfarrerin Nadia Bolz-Weber in ihrem bekannten Buch Pastrix aufmerksam gemacht (Kapitel 13). Mir hat sofort eingeleuchtet, dass der Teufel als Inbegriff des Bösen und Abgründigen hier meisterlich auftritt und nach allen Regeln seines perfiden Handwerks den Hebel ansetzt.
Genützt hat’s schlussendlich nichts – Jesus konnte allen seinen Versuchungen widerstehen. Was es ihn aber gekostet hat, wissen wir nicht. Auf jeden Fall scheint er gestärkt aus den Versuchungen in der Wüste hervorgegangen zu sein, wenn es kurz später heisst: „Jesus aber kehrte in der Kraft des Geistes nach Galiläa zurück.“ (Lk 4,14) Mit dieser Kraft im Rücken beginnt nun das öffentliche Wirken Jesu, das eine riesige Strahlkraft entwickelte.
Dass Jesus nicht bloss die Menschen seiner Zeit in Bewegung und Unruhe versetzte, sondern seither durch alle Zeiten hindurch, ist der Grund, warum wir uns heute hier versammelt haben, warum wir Julia heute getauft haben und auch warum der englische Dichter Sidney Carter in den 1960er Jahren das Lied „Lord of the dance“ geschrieben hat. Die Bibel inspirierte ihn wie viele andere Menschen auch, über Jesu Wesen, seine Worte und sein Wirken zu sinnen und nachzudenken. Auf ihn übte Jesus offensichtlich eine Energie und Wirkung aus, die am besten zu verstehen und zu teilen war in der fröhlichen Melodie und den schönen Worten eben dieses Liedes. Jesus als Meister aller Tänzer – was für ein gewaltiges Bild. Wenn Menschen aus tiefstem Herzen singen, tanzen und musizieren, dann löst sich Raum und Zeit auf und sie sind gleichzeitig ganz bei sich selbst und ganz woanders. Jesu Wesen so zu begreifen und zu besingen ist für mich eine kleine Offenbarung und sehr stimmig.
Doch auch dem „Lord of the dance“ fiel das Tanzen nicht immer leicht. Das Leiden Jesu vor und während seiner grausamen Hinrichtung wird im Lied erwähnt mit der Zeile „It’s hard to dance with the devil on your back“ – ja, wenn einem der Teufel im Nacken oder auf dem Buckel sitzt, fällt dieser so lebensbejahende Tanz elend schwer.
Doch was lässt sich dagegen tun? An dieser Stelle und mit dieser Frage möchte ich kurz Bezug nehmen auf die Predigten von Gerd Sundermann und Matthias Plattner von den letzten beiden Sonntagen in dieser Predigtreihe.
Wir haben die Serie zum Bösen in der Welt überschrieben mit dem grossen, frechen Titel „Teuflische Predigten“. Nun, als ich zu lesen begann in der ersten Predigt, war vom Teufel kein einziges Mal die Rede. Und auch in der zweiten fristete dieser ein bescheidenes Dasein. Klar, es wurde von Gewalt gesprochen, vom Bösen, von Verrohung und von Zerstörung. In der ersten Predigt wurden Gründe für Gewalt genannt und im Sinne der Bergpredigt eine gewaltlose Reaktion darauf gefordert, da hinter manchem brutalen Vorgehen letztlich eine drängende Not als Ursache steht. Die zweite Predigt hat diesem Punkt – zu Recht wie ich finde – relativiert und betont, dass man das Böse als Böses entlarven sollte und es ja nicht schlank erklären dürfe. Dem Bösen in der Welt gebühre letztlich in seiner ganzen Nichtsnutzigkeit und Sinnlosigkeit keine andere Reaktion als verächtliche Verständnislosigkeit. Einverstanden.
Nur: was gibt uns das an die Hand? Die beiden Predigten schlagen erstens vor, wie schon erwähnt, Gewalt nicht mit Gegengewalt zu beantworten. Dann auch wohl überlegtes, persönliches und politisches Engagement und Zivilcourage. Und letztlich sei ein realistischer Umgang damit halt auch einfach, das „ferne“ Böse aus der weiten Welt zu verdrängen, es auszublenden und das „nahe“ Böse, das uns widerfährt, auszuhalten versuchen.
Auch ich habe gefragt, was sich gegen das Böse und die beissende Macht des Teufels machen lässt. Wenn es Sie nun befremdet, dass ein aufgeklärter, junger und eigentlich ganz vernünftiger Mensch hier vom Teufel als Person und böse Macht spricht – dann kann ich das bestens verstehen.
Aber ich denke, diese Predigtserie bietet uns eine heutzutage rar gewordene Gelegenheit, den Wert des Teufels als eines Gegenübers neu zu bedenken. Ist es nicht allzu oft der Fall, dass wir das Böse in der grossen, weiten Welt nicht wirklich dingfest machen können? Und ist es nicht allzu oft der Fall, dass jenes Böse, das uns im Alltag leiden, zweifeln und verzweifeln lässt, auch nicht recht zu fassen ist? Strukturelle Gewalt in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft und nagende Selbstzweifel in verletzlichen Situationen des Lebens haben dies gemeinsam: es ist sehr schwierig, sie genau zu erfassen und erfolgreich zu bekämpfen.
Nadia Bolz-Weber, die zuvor schon erwähnte, macht in diesem Zusammenhang auf ein Rezept aufmerksam, das sich bereits vor knapp 500 Jahren bei Martin Luther bestens bewährte. Im Jahr 1521 sass dieser nämlich in Verbannung auf der Wartburg und übersetzte das Neue Testament aus dem Griechischen ins Deutsche, sodass danach erstmals „normale“ Menschen selbst in der Bibel lesen konnten. Während dieser gigantischen Arbeit hatte er mit beissenden Zweifeln und tiefer Mutlosigkeit zu kämpfen – Erscheinungen, die er gemäss seinem Weltbild dem Teufel zuschrieb. Und was tat er dagegen? Er bäumte sich auf und schrie dem Teufel entgegen: „Ich bin getauft!“ Und ab und zu flog diese Worte begleitend noch ein Tintenfass gegen die Wand. Offensichtlich hat ihm das geholfen.
Er rief „Ich bin getauft“, nicht etwa „Ich wurde getauft“. Luther hat also dem Teufel ins Gesicht geschleudert, dass er zu Gott gehöre, dass Gott ihn nicht nur erschaffen habe, sondern ihn auch als sein Gotteskind angenommen und aufgenommen habe. Und dass er, der Teufel, deswegen am deutlich kürzeren Hebel stehe.
Mit der Taufe (vor allem der Kindertaufe) feiern wir nicht, dass wir uns für Gott entscheiden, sondern dass Gott – vor all unseren Entscheidungen – sich für uns entschieden hat. Er nennt uns seine Kinder, er begabt uns und ermächtigt uns für unser eigenes und einzigartiges Leben. Er begleitet uns tagein, tagaus und erinnert uns im Tanz des Lebens immer wieder daran: Ich bin das Leben and the dance goes on!
Ob der Teufel uns also höchstpersönlich entgegentritt, als äussere oder innere Macht begegnet, als Verunsicherung, als Versuchung, als Verletzung, als Verrat oder als Verrohung auf den Plan tritt – ihm ein Gesicht und einen Namen zu geben kann helfen. Denn so hat man ein Gegenüber, dem man inbrünstig und entschieden entgegen schmettern kann: Ich bin getauft. Gott hat mich gern und schaut zu mir. Er hat mich zum Leben und zum Aufleben berufen und an ihm hängt mein Herz! Also verzieh dich, du armseliger Teufel und fahr zurück in die Hölle, wo du hingehörst!
Amen.

Teuflische Predigten IV

von Pfarrerin Sonja Wieland; So, den 24. Juni

Aus alt mach neu? Oder war es immer schon so?

Das Böse, böse Einstellungen und Handlungen, böse Worte und Taten sind ein Phänomen das es zu allen Zeiten, und überall gegeben hat. Wir wachsen damit auf und wenden von der Wiege bis zur Bahre recht viel Energie auf, um uns mehr oder weniger davor zu schützen. Vom Veloschlosshersteller bis zum militärisch-industriellen Komplex sind ganze Industrien entstanden die das Böse, oder was man dafür hält, in die Schranken zu weisen.

Auf individueller Ebene werden ebenfalls Strategien verwendet die das Ungeheure etwas Geheuerer machen sollen. So zum Beispiel ein Gedanke, der von Gerd Sundermann in seiner Predigt ausgedrückt wird und der ebenfalls von einer Schule des Buddhismus gelehrt wird: Da wird fast radikale Empathie vorgeschlagen. Der Gedanke steckt dahinter, dass der Bösewicht nicht ohne Grund so ist wie er ist und die böse Handlung ein Symptom einer dahinterliegenden Not sein könnte. Oder der Gedanke von Matthias Plattner der mir ebenfalls eingeleuchtet hat, und mir immer noch nachgeht: 'die mitleid-volle Psychologisierung der Täterschaft ist mitleid-lose Verhöhnung der Opfer. Und er schlägt vor, dem Bösen keine Energie und keine Aufmerksamkeit zu geben weil es zutiefst sinnlos ist. Das Böse sozusagen als archetypischer Nichtsnutz.
Oder der Gedanke von Christian Hofer, dass das Böse in seiner glischigen Unfassbarkeit am effektvollsten vertrieben werden kann mit der Berufung auf die Gotteskindschaft. So wie Luther dem Teufel mal ein Tintenfass angeschmissen hat mit dem Ausruf 'ich bin getauft'.

So wie meine Kollegen erfahre ich das Böse auch in seinen Folgen, denn 'der Böse' an und für sich hat sich mir noch nie gezeigt, so wie dem Luther.
Aber das Destruktive, das Entwertende, das Verletzende, das was klein macht, in den Dreck zieht, kaput macht, das was verdreht, lächerlich macht, beschämt, kontrolliert, manipuliert oder dominiert ist etwas nach dem man kein Tintenfass schmeissen kann, und doch hat jeder Mensch schon Erfahrungen damit gemacht.

Doch was steckt dahinter?
Was ist der Steckbrief dieser treibenden Kraft die etwas bis zur Unkenntlichkeit verzerren und verdrehen kann? Diabolos ist ja der grosse Verdreher, der Durcheinanderwerfer.

Ich habe mich zuerst einmal in der Bibel auf die Suche begeben und habe eine Fülle von Stellen gefunden die das Böse beschreiben und davor warnen. Der Ertrag ist das Resultat einer längeren Suche - das ist nicht gestern Nachmittag entstanden :-)
Grob können die meisten Beschreibungen eines 'bösen Herzens' in 7 Häufchen aufgeteilt werden:

1.
Das böse Herz ist Experte darin Verwirrung und Streit zu stiften:
Es verdreht Fakten, führt bewusst in die Irre, lügt, übernimmt keine Verantwortung für eigene Handlungen, hält Informationen zurück.
2.
Das böse Herz ist Experte in schmeichelnder Rede und grossartigen Versprechungen die nicht eingelöst werden. Die grandiose, dramatische Geste gehört dazu.
3.
Das böse Herz kontrolliert und dominiert, will Macht ohne Rücksicht auf Verluste.
4.
Das böse Herz spürt nicht den Schmerz der anderen und setzt rücksichtslos seine eigenen Ansprüche durch. Es scheint ein unterentwickeltes Gewissen zu haben, kann sich nicht in andere hineinversetzen.
5.
Das böse Herz spielt mit den Gefühlen anderer Menschen und geniesst den Schmerz der folgt.
6.
Das böse Herz hat kein Schuldbewusstsein und hat kein Interesse an Versöhnung. Es benutzt und schädigt andere Menschen zur Verfolgung seiner eigenen Ziele.
7.
Das böse Herz ist missgünstig und neidisch.

Tja...
Soweit mal eine kleine Übersicht über die Merkmale des Bösen wie sie in der Bibel zu finden sind. Die Sprache der Bibel braucht häufig mythologische Bilder, Symbole, Metaphern und Parabeln. Aber nach wie vor transportiert diese Art Symbolsprache einen Sachverhalt der auch im 21.Jahrhundert verstehbar ist, weil die Sache an sich universell ist. Auch wir Heutige brauchen Bildersprache die allgemein verstanden wird: wer kennt nicht den Spruch vom 'Wolf im Schafspelz'?

Was sagt die Psychologie?

Als ich mir die 7 Merkmale des 'bösen Herzens' so anschaute, da wurde ich den Verdacht nicht los, dass ich eine ähnliche Liste schon mal woanders gesehen hatte!
Und in der Tat - vor einigen Jahren habe ich eine Liste mit 9 Punkten gesehen, die aus der modernen Psychologie kommt und einen bestimmten Verhaltenstypus beschreibt.

Erlauben Sie mir, die 9 Punkte ohne Kommentar vorzustellen:

- Selbstüberschätzung
- Überlegenheitsgefühle und Kontrollsucht
- Fantastereien von Erfolg, Glanz, Macht und Schönheit
- Sucht nach Aufmerksamkeit und Geltung
- Keine Einsicht in eigene Schuld
- Ausbeuterisches Verhalten
- Empathiemangel
- Neid
- Sozial unverträgliches Verhalten
 

Vielleicht höre ich das Gras wachsen, aber für mich haben diese 9 Merkmale dieses bestimmten Typus grosse Ähnlichkeit mit unserem Befund aus der Bibel, wenn da vom 'bösen Herz', vom bösen Verhalten gesprochen wird.

Ich sage Ihnen gleich welchen Typus die Psychologie mit diesen 9 Merkmalen beschreibt, aber vorher lassen Sie mich noch etwas klären: vor 2-3 Tausend Jahren gab es natürlich noch keine Disziplin die Psychologie genannt wurde - aber pathologisches, bewusst zerstörerisches Verhalten an sich war sehr bekannt.
Die Bibel hat grossartige Einsicht in die menschliche Natur und beschönigt nichts. Vor allem in den Klagepsalmen kann man den ganzen Schmerz spüren, den Menschen litten die unter Verhalten litten das man heute wahrscheinlich als maligne oder pathologisch bezeichnen würde.

So, welchen Typus beschreibt die Psychologie mit den 9 Merkmalen?

Es ist der narzisstische Typ.
Eigentlich gehört der Narzissmus zu einem Dreiergespann. Zum Narzissten gesellen sich noch seine beiden Kumpels, der Psychopath und der Soziopath.

Es gibt in der Psychologie noch weitere Kategorien von Auffälligkeiten wie zum Beispiel Schizophrenie, Borderline oder Paranoia die schon auch antisoziales Verhalten zeigen können.
Aber während die gerade genannten genuin als Krankheiten gelten, mit einem ungeheuren Leidensdruck für Betroffene und Angehörige, ist man sich beim Narzissmus, beim Psychopathen und beim Soziopathen nicht ganz sicher ob das denn wirklich Krankheiten seien.
Diese Gruppe gilt als sehr therapieresistent und man streitet sich sogar darüber ob diese Leute, in schweren 'Fällen' ihr Verhalten nicht sogar geniessen und sich bewusst irgendwann dafür entschieden haben. Narzisstisches Verhalten hat Intention. Da ist wenig Leidensdruck wegen der fehlenden Empathie. Es ist ihnen egal wieviel Schaden sie anderen zufügen und nehmen das Leiden anderer in Kauf für einen eigenen Vorteil.
Und in der Tat, dieses Dreiergespann (Narzissten, Psycho- und Soziopathen) werden auch bezeichnet als die 'dunkle Triade'.

Der Ursprung des 'Bösen' in den Visionen von Ezechiel und von Johannes

Wer von Narzissten verletzt wurde, hat mit den Erscheinungsformen des 'Bösen' zu tun und stellt sich vielleicht manchmal die existenzielle Frage nach dessen Ursprung. Ich setze das Wort hier bewusst in Gänsefüsschen, denn ob es das 'Böse' als eigenständige Macht gibt oder nicht, darüber gehen die Meinungen auseinander und sind oft ideologisch oder kulturell eingefärbt.
Das 'Böse' ist nämlich in der Bibel eine Mangelmetapher:
Böses entsteht aus Mangel an etwas Gutem, Mangel an Licht, Mangel an Gerechtigkeit, Mangel an Mitgefühl, Mangel an Einsicht, Mangel an Bescheidenheit, etc..
Der Begriff die 'dunkle Triade' kommt nicht von ungefähr.
Es hat seine Dunkelheit wegen Mangel an Licht. Oder biblisch gesprochen, von einem 'Abwenden vom Licht'. Das Licht aber, die Metapher die für Gott oder das Göttliche gebraucht wird ist etwas in sich selbst, es hat Fülle, Überfluss, es hat 'Sein', 'Substanz', es ist Lebensspendend.
Licht ist auch in unserer physischen Realität messbar:
Wir kennen Lichtjahre, Lux, Candela, Photonenstärke. Licht hat Wirkkraft: eine einzelne Kerze kann in einem dunklen Sportstadion gesehen werden. Aber es gibt keine 'Schachtel voll Dunkelheit' die man öffen könnte um das gleiche Station zu verdunkeln. Sobald die Schachtel geöffnet würde, würde das Licht die Dunkelheit in der Schachtel auslöschen. Man verzeihe mir dieses eigenartige Bild, aber ich hoffe es illustriert was gemeint ist mit der Aussage dass das Dunkle nichts Eigenständiges sei.

Ebensowenig ist der 'Teufel' auf Augenhöhe mit Gott. Der Luzifer war gemäss der Visionen von Ezechiel (Ez. 28, 17) und Johannes (Offenbarung 12, 7ff) ursprünglich ein Engel der über alle Massen schön und stark war. Das war ihm aber zu Kopf gestiegen und er wollte dass die anderen Engel und auch Gott selber ihn anbeten sollten. Das war ein Schuss in den eigenen Fuss wie Luzifer bald merken sollte, denn er und die, die sich von ihm blenden liessen wurden kurzerhand aus dem Himmel rausgeschmissen (und landeten auf der Erde gemäss unserer Lesung aus der Offenbarung...). Sein Name wurde ihm weggenommen und er erhielt einen anderen Namen - 'Satan'. In der Volksfrömmigkeit wird Satan häufig als Gegenspieler zu Gott gesehen. Das stimmt nur bedingt denn er ist immer noch ein Engel - ein Ex-Engel um genau zu sein - selber ein Geschöpf, nicht ein Schöpfer. Wo wir bei einem weiteren herausragenden Merkmal des Bösen sind.
Es kann nichts erschaffen!
Gott kann aus Nichts Etwas machen. Aus Chaos wird Kosmos wenn Gott ein Wort spricht, aus unfruchtbaren Leibern kommt neues Leben wenn Gott ein Wort spricht.
Doch das Böse kann nichts erschaffen. Es kann nur etwas nehmen was schon da ist und es verdrehen, klein machen, beschmutzen, ins Absurde ziehen und grotesk verzerren bis aus etwas ursprünglich Gutem eine Dämonenfratze zurückschaut. Das ist alles, mehr kann es nicht.
Wenn schon der Ex-Engel Luzifer ein himmlisches Gegenstück haben soll, dann wäre das der Erzengel Michael, der grosse Rausschmeisser, der himmlische Türsteher der das Dunkle rauswinkt und sagt "kann ich mal deinen Ausweis sehen?"

Soweit der Mythos, oder besser, die prophetische Vision vom Ursprung des Bösen. Narzissmus auf kosmischer Ebene sozusagen - Narzisstische Beleidigung als Ursprung einer metaphysischen Katastrophe.
Luzifer's narzisstische Anspruchshaltung und Selbstvergottung wird in diesen Visionen sehr deutlich.

Fazit und Tips
Wenn die poetische Sprache der Bibel das 'Böse' beschreibt, und wenn die Psychologie in wissenschaftlicher Sprache über Narzissmus spricht, dann klingt das vielleicht beim ersten Hören sprachlich anders.
Aber der Geist der beschrieben wird ist der gleiche. Wenn man die Bibel durch die Brille eines Menschen liest der/die von Narzissten verletzt wurde, springen die Warnungen vor dem Narzissmus direkt aus den Seiten.
Ganz salopp würde ich sagen dass in den ersten drei Kapiteln der Bibel die Kosmologie der Welt drin ist. Kapitel 1 - Urknall und Werden. Kapitel 2 - Mensch will sein wie Gott. Und in Kapitel 4 haben wir schon den ersten Brudermord. Und dann geht's los: in vielen Geschichten erfahren wir, was das Böse in Natur und Gesellschaft, zwischen Mensch und Mensch und zwischen Mensch und Gott anrichten kann. Bis hin zu Jesus der sich erst relativ spät im ganzen Drama, im Neuen Testament unserem Auge offenbart.
Er entlarvt den Bösen als das was er ist - ein Luegner, ein Verdreher, einer der im Wahn ist wie Gott zu sein, ein Blender, ein falscher Fuffziger, einer der den Menschen ihre Gottesebenbildlichkeit neidisch ist. Eine Gottesebenbildlichkeit die sich ausdrückt in Kreativität, Empathie und Humor.
Jesu Angebot den Bruch zwischen Mensch und Gott zu heilen wird denn auch programmgemäss abgelehnt, denn das würde ja Bescheidenheit verlangen, Vertrauen, Demut, Liebe, das Wissen um die eigene Geschöpflichkeit - Eigenschaften die dem Narzissmus als Schwäche erscheinen.

Hmmm, was machen wir denn nun mit all dem?

Ich möchte nochmal auf die drei Sätze zurückkommen, die mir bei meinen Kollegen hängengeblieben sind und die ich Eingangs erwähnt habe.
Mich dünkt, dass sie zusammen bis jetzt ein solides Zeugenschutzprogramm darstellen:

- Die radikale Empathie die ich bei Gerd meine gelesen zu haben, kann langfristig vor Verbitterung schützen, und davor in den Strudel von Opferdenken zu geraten. Es ist möglich, den Narzissmus zu verabscheuen, aber den Narzissten, oder die Narzisstin zu lieben - was auch Distanzierung beinhaltet!

- Matthias' Empfehlung, dem Bösen nicht das zu geben was es zum Existieren braucht - Aufmerksamkeit und Angstenergie.

- Und Christian's Gedanken sich an die Gotteskindschaft zu erinnern. 'Ich bin getauft, ich bin im Bilde Gottes geschaffen, in mir ist Licht.' 'Mach dich vom Acker'

Meine eigene Empfehlung liegt in der Lesung aus dem Neuen Testament die wir Eingangs gehört haben:

"Bittet und ihr werdet bekommen! Sucht und ihr werdet finden! Klopft an und es wird euch geöffnet! Denn wer bittet, der bekommt; wer sucht, der findet; und wer anklopft, dem wird geöffnet.Wer von euch würde seinem Kind einen Stein geben, wenn es um Brot bittet? Oder eine Schlange, wenn es um Fisch bittet? So schlecht ihr auch seid, ihr wisst doch, was euren Kindern gut tut, und gebt es ihnen. Wie viel mehr wird euer Vater im Himmel denen Gutes geben, die ihn darum bitten. Behandelt die Menschen so, wie ihr selbst von ihnen behandelt werden wollt – darin besteht das Gesetz und die Propheten.

Amen

Teuflische Predigt V

von Pfr. Daniel Wüthrich, Sonntag, den 1. Juli


Liebe Gemeinde,

nun bin ich also als fünfter und letzter dran in unserer Reihe der teuflischen Predigten, die rund um das Böse herum kreisen.
Von meinen drei Vorpredigern und meiner Vorpredigerin wurde bereits vieles gedacht, erwogen und gesagt.
Bevor ich meine Gedanken dazustelle, möchte ich kurz daran erinnern.
Gerd Sundermann hat davon gesprochen, dass hinter aller Gewalt, hinter allen bösen Handlungen letztlich nichts als hilflose Not steht. Wenn wir das erkennen, dann müssen wir das Böse nicht mehr bekämpfen, sondern wir können versuchen, ganz im Sinne von Jesus Christus, das Böse mit unserem Guten zu überwinden. So wie es Paulus in seinem Römerbrief auch fordert.
Matthias Plattner hat gemutmasst, ob mit diesen Gedanken das Böse nicht zu sehr verharmlost wird. Er wehrte sich dagegen, dass dem Bösen in der Welt ein Sinn abgewonnen wird. Für ihn ist das Böse nicht zu fassen. Es ist zutiefst sinnlos. Wir können es nicht verstehen. Wir müssen es nicht verstehen. Aber wir sollen das Böse, wo immer wir ihm begegnen, entlarven und es verabscheuen.
Für Christian Hofer, unseren Vikar, geben uns diese Gedanken zu wenig in die Hand. Er forderte in seiner Predigt mehr Handgreiflichkeit. Das Böse darf bei seinem Namen – Satan oder Teufel - genannt werden. Ihm ein Gesicht und einen Namen zu geben, meint er, das könne uns helfen. Denn so haben wir ein Gegenüber, dem wir im Vertrauen als Gotteskinder diese Worte entgegenschmettern können: Verzieh dich, wohin du gehörst!
Meine Kollegin Sonja Wieland hat letzten Sonntag dagegen gehalten, dass sich ihr das Böse noch nie in Gestalt gezeigt hat. Dass sie es aber in seinen Folgen erfährt. Als treibende Kraft für das Böse sieht sie den Narzissmus, die Selbstsucht, wenn man in übertriebenem Masse auf sich selbst bezogen ist. Damit wir dieser Sucht selber nicht verfallen, rät sie uns, folgende Worte von Jesus Christus immer mit uns zu tragen: „Bittet und ihr werdet bekommen! Sucht und ihr werdet finden! Klopft an und es wird euch geöffnet!“

Ja, liebe Gemeinde, von meinen Kollegen und meiner Kollegin wurde bereits vieles gedacht und erwogen und gesagt. Und wenn ich heute als fünfter und letzter auch noch wage, etwas zum Bösen zu sagen, dann wird darin ab und zu das eine oder andere anklingen, das bereits gesagt wurde.
Wo soll ich beginnen?
Am besten beim Anfang, dort, wo meine Gedanken zu meiner Predigt ihren Anfang genommen haben. Es war an einem sonnigen Montagnachmittag vor einigen Wochen. Ich spazierte hinter unserem Rasenmäher hinterher und mähte die grosse Rasenfläche, es ist mehr eine Wiese, in unserem Pfarrgarten. Beim Mähen merkte ich, dass ich mich in einer gewissen Ordnung über das Gras bewegte. Ich mähte nicht wild kreuz und quer, sondern steuerte den Rasenmäher in einer ausgedachten Abfolge.
Urplötzlich kam mir dabei der Anfang in den Sinn, der Beginn der Bibel, wo von der Erschaffung der Welt erzählt wird. Dort steht:
„Am Anfang hat Gott Himmel und Erde geschaffen.
Die Erde aber war (noch) Chaos und Wüste.
Da sprach Gott: Licht werde. Und Licht wurde.
Und Gott sah das Licht an: Es war gut.
Und Gott trennte das Licht von der Finsternis.
Und er nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht.“

In diesen Anfang, so ging es mir hinter dem Rasenmäher durch den Kopf, da wird davon erzählt, dass Gott in das grosse Chaos, in das Tohuwabohu, wie es im Hebräischen Urtext heisst, und wie wir es ja auch in unsere Umgangssprache brauchen, Ordnung bringt. Statt Tohuwabohu Tag und Nacht. Und im weiteren Verlauf der Erzählung von der Schöpfung Himmel und Erde, Land und Wasser und Pflanzen, Sonne und Mond und alle Sterne, welche helfen, die Zeit zu gliedern, Leben im Wasser und in der Luft und auf der Erde. Alles erhält seinen Platz, seinen Ort, seine Aufgabe. Auch wir Menschen.
Der Bericht von der Erschaffung der Welt bildet dieses Handeln von Gott in sich selber ab. Er ist wohlgeformt und in schöner Ordnung. In sieben Strophen wird alles erzählt. Und immer wieder folgt, wie ein Refrain, die Bestätigung:
„Und Gott sah: Es war gut.“

Gott ist die schöpferische Kraft. Schöpfen heisst, Raum für das Leben bereiten. Das Tohuwabohu zu Beginn bot noch keinen Raum für das Leben. So hat Gott Ordnung in das Chaos gebracht. Und damit hat er Raum entstehen lassen, in dem Leben möglich wurde und in dem Leben wachsen und gedeihen, sich fortpflanzen und bestehen bleiben kann.
Wenn wir durch die Bibel hindurchwandern, dann werden wir diese schöpferische Kraft von Gott immer wieder finden.
Zum Beispiel auch in den Zehn Geboten.
Auch durch sie will eine Ordnung geschaffen werden, die Raum für das Leben gibt, Raum, um miteinander in grösstmöglicher Freiheit zusammen zu leben. Denn töten und stehlen, in Beziehungen eindringen und sie zerstören, die Notwendigkeit der Ruhe missachten, das Falsche anbeten und vergöttern, andere verleumden und verfluchen, sich vom Neid regieren lassen und die Fürsorge vergessen, dass alles rüttelt an diesem Raum, den das Leben für sich braucht.
An diesem Raum schafft Gott mit seiner schöpferischen Kraft. Auch mit den 10 Geboten. Sie sind wie Zeltstangen, die gesetzt werden, um darüber das Zelt aufzuspannen, das uns Raum und Schutz für das Leben bietet. Sie sind wie Pflöcke, die eingeschlagen werden, um das Zelt daran fest zu machen, dass es nicht zusammenfällt.
Wir Menschen haben die Fähigkeit geschenkt bekommen, dieses schöpferische, dieses Leben schaffende und bewahrende Handeln Gottes  zu erkennen. Im Bericht der Schöpfung wird dies mit den Worten „Wir sind im Bilde Gottes geschaffen“ deutlich gemacht. 
Und wir Menschen haben eine Aufgabe erhalten; die Aufgabe, den Raum, den das Leben für sich braucht, zu pflegen und zu befördern. „Gott brachte den Menschen in den Garten Eden. Er übertrug ihm die Aufgabe, den Garten zu pflegen und zu schützen.“ So heisst es im Bericht der Schöpfung. Diese Aufgabe intendiert, dass wir bereits wissen, was gut und nötig ist für das Leben und was es gefährdet und zerstört.

Das schöpferische Handeln Gottes bringt Ordnung in das Chaos. Nicht Ordnung, die um ihrer selbst willen ist. Sondern Ordnung, die dazu da ist, möglichst weiten Raum für das Leben zu schaffen. Damit dieser Raum bestehen bleiben kann, braucht es Gesetze. Die physikalischen Gesetze, wie etwa das Gesetz der Gravitation. Und auch Ordnungen für das Zusammenleben. Wie etwa die 10 Gebote. Denn das Leben gibt es nur auf die eine Art: Als Leben miteinander.
Ordnungen setzen Grenzen. Wir Menschen spüren diese. Und darum ist es unvermeidlich, dass wir uns an diesen Grenzen reiben.
Beispielhaft wird dies für mich – auch zu Beginn der Bibel - in der Erzählung mit der Schlange beschrieben:
1 Die Schlange ... fragte die Frau: »Hat Gott wirklich gesagt: ›Ihr dürft die Früchte von den Bäumen im Garten nicht essen‹?«
2 »Natürlich dürfen wir sie essen«, erwiderte die Frau,
3 »nur nicht die Früchte von dem Baum in der Mitte des Gartens. Gott hat gesagt: ›Esst nicht davon, berührt sie nicht, sonst müsst ihr sterben!‹«
4 »Nein, nein«, sagte die Schlange, »ihr werdet bestimmt nicht sterben!
5 Aber Gott weiß: Sobald ihr davon esst, werden euch die Augen aufgehen; ihr werdet wie Gott sein und wissen, was gut und was böse ist. Dann werdet ihr euer Leben selbst in die Hand nehmen können.«
6 Die Frau sah den Baum an: Seine Früchte mussten köstlich schmecken, sie anzusehen war eine Augenweide und es war verlockend, dass man davon klug werden sollte! Sie nahm von den Früchten und aß. Dann gab sie auch ihrem Mann davon und er aß ebenso.

In dieser Erzählung wird beschrieben, wie wir uns an den Grenzen reiben. Und was geschieht, wenn wir uns daran reiben. Dann wird der Gedanke geboren, über die Grenze hinweg zu gehen. Dieser Gedanke kann sich in uns festsetzen. Er kann zu einer Verlockung werden. Er kann so stark werden, dass er uns zu beherrschen beginnt. Dass unser Blick eng wird und wir nur noch uns sehen und nur noch an uns denken.
Diese Versuchung ist das Tor, durch welches das Böse in die Welt kommt. Das Böse bekommt Gestalt in der Versuchung, nur an sich selber zu denken. An sich als Einzelperson. Auch an sich als Gruppe: als Familie, als Dorf, als Volk, als Nation, als Geschlecht. Und so fort. Diese Versuchung verneint das Sein als Zusammensein. Sie will nur sich, sie sieht nur sich, auch wenn das auf Kosten der andern geht. „America first“ – wir zuerst, ich zuerst. Und bald darauf – wir allein, ich alleine.
Jesus Christus hat diese Versuchung auch erfahren. Als er nach seiner Taufe in der Wüste fastete und sehr hungrig war, als er im Garten Gethsemane in Todesangst betete, da hörte er die Stimmen in sich, die lockten: Denk doch jetzt an dich, ganz alleine an dich.
Er hat dieser Versuchung immer wieder widerstanden. Und hat ihm die Worte entgegengesetzt, die wir auch im Unser Vater beten: „Dein Wille geschehe.“
Ich will nicht sagen, dass wir nicht auch an uns selber denken sollten und dürften. Das ist uns sogar geboten. „Liebe dich selbst!“ Aber diese Liebe kann nie alleine für sich stehen. Sondern immer nur im Verbund mit der Liebe zu Gott und der Liebe zum Nächsten.
Gott denkt nie als Einzelner. Gott denkt immer in Beziehung. Das ist der Kern des Begriffs Trinität. Gott ist immer eine Lebensgemeinschaft. Und Gott sucht immer die Lebensgemeinschaft. Von Jesus wird das wunderbar erzählt im Gleichnis vom gütigen Vater oder vom verlorenen Sohn. Der Vater ist nicht eingeschnappt, als sein jüngerer Sohn wieder nach Hause zurückkehrt, nachdem er alles Geld durchgebracht hat. Er verliert keinen Gedanken daran, dass der Sohn ihm mit seinem Handeln etwa angetan haben könnte. Oder dass er den Sohn zur Rechenschaft ziehen müsste. Er ist nur voller Freude, dass der Sohn wieder da ist und die Gemeinschaft wieder möglich.

Im grossen Handbuch „Religion in Geschichte und Gegenwart“ habe ich im Artikel über das Böse diesen treffenden Satz gefunden:
„Im theologischen Sinne böse ist das, was Gott verneint, weil es dem widerspricht, was er als gut bejaht, nämlich Sein als gelingendes Zusammensein: in Gott als Zusammenleben von Vater, Sohn und Geist; mit Gott, als Zusammenleben der Geschöpfe mit dem Schöpfer und miteinander. Böse ist folglich die Zersetzung solchen Zusammenseins zugunsten von Beziehungslosigkeit.“ (Bd.1, S. 1707)

Was heisst das für mich? Was heisst das für uns?
Das Zusammenleben, das gelingende Zusammensein funktioniert nicht von alleine. Das braucht unsere Energie. Das braucht unseren Einsatz. Manchmal sogar unsere Aufopferung. Jesus Christus hat uns dies gezeigt. Das ist nicht einfach. Das fällt uns oft auch schwer. Das widerstrebt uns manchmal sogar.
Trotzdem: Geben wir der Versuchung, nur an uns selbst zu denken, möglichst keine Chance, sich in uns festzusetzen.
Bieten wir ihr unseren Widerstand. Und nehmen wir dafür auch das Gebet zu Hilfe. „Dein Wille geschehe!“ hat Jesus in der Versuchung gebetet. Im Vertrauen darauf, dass er in diesem Widerstand Gott an seiner Seite hat. Und er hat uns ebenso gelernt, so zu beten:
„Führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.“
AMEN.